Bozen

Im Grauen, wenn es keimt

"Gaia", die neue Oper des Innbruckers Hannes Kerschbaumer, wurde im Rahmen des Wettbewerbs "OPER.A 20:21" in Bozen uraufgeführt.
© Michele Purin

Gut, dass „Gaia“ nur eine Geschichte ist. Die Oper ohne Gesang ergründet den nahenden Weltuntergang.

Von Axel Renner

Bozen – Düster, beklemmend und am Ende doch hoffnungsvoll: Mit der Musiktheater-Uraufführung „Gaia“ behandelt der in Innsbruck lebende Komponist Hannes Kerschbaumer das Thema einer globalen Katastrophe, die beinahe alles irdische Leben auslöscht.

Auftraggeberin der knapp einstündigen Dystopie ist die Südtiroler Haydn-Stiftung, die im Rahmen des Wettbewerbs „OPER.A 20:21 FRINGE“ insgesamt zwei Uraufführungen hervorbringt. Premiere war am Donnerstagabend in der Studiobühne des Stadttheaters Bozen.

Gaia, eine Wissenschafts-Astronautin, überlebt den Absturz ihres Raumschiffes bei der Rückkehr zur Erde. Der Planet ist nahezu zerstört, schwer gezeichnet kurz vor seinem Untergang. Ein Atomkrieg? Ein tödliches Virus, das sich gegen alles Lebende richtet? Man weiß es nicht. Man ahnt Fürchterliches.

Grundlage ist das 2016 erschienene Buch „Erste Erde. Epos“ des Tiroler Lyrikers Raoul Schrott. Gina Mattiello spielt und spricht nicht nur die Titelfigur, sondern schuf auch das Libretto. Apropos „spricht“: Ja, das Musiktheaterwerk verzichtet vollständig auf Gesang. „Meine Musik soll mit der Sprache interagieren und dadurch suggestiver wirken“, erläutert Kerschbaumer.

Eine im Dunkeln liegende Bühne, schemenhaft erkennbar menschliche Körper, manche eng umschlungen liegend, wie die erstarrten Asche-Leichen von Pompeji. Manche regungslos stehend, gequält durch versengte Haut, überzogen mit schwarz-grauem Fallout. Ein apokalyptisches „Day-After“-Szenario.

Das Haydn Orchester unter Leonhard Garms erzeugt mächtige, surreale Klangbilder, im Hintergrund durch einen halbtransparenten Vorhang sichtbar, der gleichzeitig als Projektionsfläche für Videosequenzen des Künstlers Federico Campana dient. Mehr Licht hätte trotz der gewollt düsteren Atmosphäre das famose Bühnenbild von Natascha Maraval stärker zur Geltung gebracht.

Die Haydn-Stiftung hat sich vor rund zwei Jahren vorgenommen, mit der Programmreihe „OPER.A 20:21“ vor allem zeitgenössisches Musiktheater in den Mittelpunkt zu rücken. Ein ambitioniertes Vorhaben, das zunehmend über Südtirol hinaus strahlt.

Erleichtertes Aufatmen zum Finale der Uraufführung: Grünes Efeu rankt nach oben. Die Natur reanimiert sich selbst. In allem Elend keimt Hoffnung.