Osttirol

Osttirol 1938: Sogar für den Anschluss zu entlegen

NS-Propaganda für die ?Volksabstimmung? über den bereits vollzogenen Anschluss: der ?Adolf-Hitler-Platz? (Hauptplatz) in Lienz.
© Markus Bibiza; Sammlung Stadtgem

Der Anschluss an Hitlerdeutschland 1938 kam mit Verspätung nach Osttirol. Erst am 18. März marschierten 300 deutsche Polizisten in Lienz ein. Innervillgraten ging bei der Volksabstimmung in die Geschichte ein.

Von Catharina Oblasser

Lienz –Der 12. März 1938 gilt als Tag des Anschlusses Österreichs an Deutschland. An diesem Tag marschierten die ersten deutschen Truppen ein. Allerdings galt das nicht für ganz Österreich und auch nicht für ganz Tirol, weiß der Lienzer Historiker Martin Kofler. „Dieser so genannte ,Anschluss von außen‘ fand bei uns eigentlich nicht statt. Die deutschen Truppen kamen von Norden. Osttirol war einfach zu entlegen.“ Erst am 18. März trafen schließlich 300 Mann der deutschen Polizei am Lienzer Hauptplatz ein. Somit jährt sich im Bezirk Lienz das historische Ereignis erst morgen zum 80. Mal.

NS-Festbeflaggung im März/April 1938 auch an der Süd-Osttiroler Grenze in Arnbach bei Sillian.Foto: Sammlung Josef Rauter-TAP
© Unbekannt; Sammlung Josef Rauter

Kofler arbeitete diese schicksalsschweren März-Tage in Form eines Foto­essays auf, das den Titel „Der abseits gelegene Anschluss: Osttirol 1938“ trägt. Es ist Teil des neu erschienenen Buches „1938 – Der Anschluss in den Bezirken Tirols“ (Innsbrucker Studien Verlag), einer Publikation des Innsbrucker Historikers Horst Schreiber.

Wenn auch nur wenige Soldaten eintrafen, und die mit Verspätung: Innerhalb des Bezirks übernahmen die Nazis ebenso schnell das Ruder wie überall sonst. Im Gespräch mit der TT nennt Historiker Kofler einige markante Ereignisse von damals.

Kein ?Anschluss von außen? in Osttirol ? erst verspätet trafen 300 Mann ?deutsche Polizei? in Lienz ein.
© Unbekannt Sammlung Martin Kofler

Verhaftung der Juden: Samuel Bohrer und seine Gattin Agnes sowie Oskar Braun hatten Geschäfte in der Lienzer Innenstadt. Samuel Bohrer wurde schon am 13. März verhaftet, Agnes Bohrer und Oskar Braun bald danach. Sie alle verloren ihren gesamten Besitz. Die Bohrers konnten nach Palästina gelangen, Oskar Braun nach London.

Widerstand in Innervillgraten: Am 10. April fand pro forma eine Volksabstimmung über den bereits vollzogenen Anschluss Österreichs statt. Mit nur 73,7 Prozent Ja-Stimmen war die Zustimmung der Innervillgrater so niedrig wie sonst nirgends. Der Österreich-Wert lag bei 99,73 Prozent Zustimmung. Laut historischen Quellen ermutigte der Innervillgrater Pfarrer die Messbesucher, selbstständig zu entscheiden.

Gemeindezusammenlegungen: Die 50 Osttiroler Gemeinden, die es vor dem Anschluss gab, wurden zu 25 zusammengelegt. Das führte zu massiven, wenn auch erfolglosen Protesten.

Osttirol wird kärntnerisch: Unmittelbar nach dem Anschluss wurde die Bezeichnung „Osttirol“ durch „Kreis Lienz“ ersetzt. Ab Oktober 1938 gehörte der Bezirk vollständig zum „Gau Kärnten“. Die Zugehörigkeit zum östlichen Nachbarbundesland dauerte auch nach Kriegsende noch an. Einerseits sollte erst die Südtirol-Frage geklärt werden. Andererseits wollten die Briten, die Südösterreich besetzt hielten, nichts von einer Rückgliederung wissen. Erst 1947 kehrte Osttirol zu Tirol zurück.

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Catharina Oblasser

Catharina Oblasser

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