Klimaforschung: St. Johanner in hoher Mission
Martin Mallaun untersucht als Botaniker die Auswirkungen des Klimawandels im alpinen Raum. Dafür campiert er regelmäßig einige Wochen auf den Bergen – und erlebt dabei die eine oder andere Überraschung.
Von Miriam Hotter
St. Johann i. T. –Extrem-Botaniker – diese Bezeichnung klingt ungewöhnlich, passt aber genau zu Martin Mallaun. Der St. Johanner verbringt nämlich regelmäßig einige Wochen im Hochgebirge und erforscht die dortige Vegetation. Dabei muss er nicht nur heftige Gewitter aushalten, sondern auch sein Essen gegen hungrige Murmeltiere und Füchse verteidigen. Doch der Reihe nach.
Martin Mallaun zählt seit 2001 zu den Mitarbeitern des Projektes GLORIA (Global Observation Research Initiative in Alpine Environments), das die Auswirkungen des Klimawandels in über 100 Gebirgsregionen in Europa untersucht. Das Projekt wird vom Zentrum für globalen Wandel und Nachhaltigkeit der Universität für Bodenkultur in Wien koordiniert. Mallaun ist Teil einer Arbeitsgruppe der Universität Innsbruck, die unter der Leitung von Brigitta Erschbamer Klimawandelfolgen in den südlichen Dolomiten und am Alpenhauptkamm erforscht. In jedem Gebiet untersuchen die Forscher vier Gipfel, die von der Waldgrenze bis hinauf zur Gletscherstufe reichen.
Der 43-Jährige konnte mit seinen Kollegen im Untersuchungszeitraum von 14 Jahren zwei große Entwicklungen feststellen. „Einerseits werden die Gipfel artenreicher.“ Das Untersuchungsgebiet in den Dolomiten wurde konkret um 22 Arten reicher, jenes in der Texelgruppe um 13 Arten. Im Zuge der Klimaerwärmung schaffen es Pflanzenarten offensichtlich, sich in Höhenlagen auszubreiten, die zuvor für sie zu kalt waren.
Andererseits dehnen sich die Pflanzenpopulationen aus. „Das bedeutet, dass besonders auf den hohen Gipfeln nicht nur die Pflanzenarten mehr werden, sondern auch die Anzahl der Pflanzenindividuen“, erklärt Mallaun. Besonders eindrücklich sehe man das am höchsten Untersuchungs-Gipfel (3287 m) im Naturpark Texelgruppe, wo zwar keine neue Art eingewandert ist, aber nach acht Jahren die Pioniere wie der Gletscherhahnenfuß oder das Einblütige Hornkraut deutlich zugenommen haben.
Wie bei jeder Entwicklung gibt es Gewinner und Verlierer. Zwar nehmen Arten zu, aber Mallaun und seine Kollegen haben auch das Verschwinden von Pflanzen beobachtet. Das betrifft vor allem kälteliebende und konkurrenzschwache Arten. Ein Beispiel dafür wäre der Facchinis Steinbrech, eine sehr seltene Art in den Hochlagen der Dolomiten. „Man muss damit rechnen, dass die Art im Zuge der Klimaerwärmung irgendwann aussterben kann“, so Mallaun.
Für ihre Forschungsarbeit campieren Mallaun und seine Kollegen regelmäßig fünf bis sechs Wochen in den Bergen und arbeiten bis zu 14 Stunden am Tag. Dabei sind sie den Elementen völlig ausgeliefert: Schneefall im Sommer oder schnell herannahende Gewitter sind im Hochgebirge keine Seltenheit. „Es ist vorgekommen, dass uns kurz vor einem Unwetter die Haare zu Berge standen und dass kurze Zeit später Blitze neben uns eingeschlagen sind“, erinnert sich Mallaun. Dann galt es so schnell wie möglich Schutz zu finden. Glücklicherweise wurde nie jemand verletzt.
Glück hatten auch die Tiere im alpinen Raum, als sie auf die Lebensmitteldepots der Forscher stießen. „Einmal haben Murmeltiere alle Äpfel gestohlen und ein anderes Mal hat ein Fuchs unsere Wurst und unsere Butter gefressen“, erzählt Mallaun lachend.
Aber auch seine schönsten Erinnerungen sind tierischer Art. „Einmal waren wir plötzlich von ganz vielen Steinböcken umgeben.“ Ein beeindruckendes Erlebnis, genauso wie damals, als plötzlich ein Schwarm Schneefinken neben den Forschern landete. „Das war schon richtig toll.“
Mallaun konnte sich schon als Kind für Pflanzen und Tiere begeistern. Sein Kinderzimmer glich mit den gesammelten Steinen, Schlangenhäuten und Knochen einem kleinen Museum. „Die Liebe zur Natur steckt in meiner DNA.“