Neue Bücher: Vivarium, Popper, Exilforschung

Wien (APA) - Einen Rückblick in die Wissenschaftsgeschichte sowie den Blick auf Aspekte der österreichischen Geschichte durch die forschende...

Wien (APA) - Einen Rückblick in die Wissenschaftsgeschichte sowie den Blick auf Aspekte der österreichischen Geschichte durch die forschende Brille erlauben drei Neuerscheinungen aus der Welt der Wissenschaft. Wer sich in ein fast vergessenes heimisches Forschungsinstitut von Weltrang, das Schicksal von ins Exil getriebenen Österreichern oder das Wirken Karl Poppers vertiefen möchte, liegt hier richtig.

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„Jahrhundertdenker“ Karl Popper - Aktueller denn je

Einen offensichtlichen Grund, jetzt ein Buch über Leben, Werk und Wirkung Karl Poppers (1902-1994) zu veröffentlichen, gibt es nicht - außer man schielt schon auf den 25. Todestag im kommenden Jahr. Doch die Lektüre von Kurt Salamuns kompakter Würdigung des „Jahrhundertdenkers“ zeigt, dass Poppers Philosophie angesichts zunehmender totalitärer Strömungen aktueller denn je ist. Salamun, pensionierter Philosophie-Professor von der Uni Graz, widmet sich vor allem Poppers umfangreichem Werk, etwa seiner Lern- und Wissenschaftstheorie, speziell aber seiner Gesellschaftstheorie. Breiten Raum schenkt er dabei Poppers Ideal der offenen, demokratischen Gesellschaft - und natürlich deren Feinden. Dazu arbeitet Salamun ideologische Grundmuster von totalitären Herrschaftssystemen wie Nationalsozialismus und Marxismus-Leninismus sowie vom dschihadistischen Islamismus heraus. Diesen stellt er Grundzüge einer liberal-demokratischen Weltanschauung und Richtlinien zur kritischen Prüfung von Gesinnungen und Ideologien gegenüber. Interessant wäre deren Anwendung auf die zunehmend autoritären Tendenzen in bisherigen Demokratien, auch in Europa, gewesen - die Popper wohl im Grab rotieren lassen. Doch eine Analyse autokratischer Strömungen wie in Ungarn, Polen oder der Türkei sucht man vergeblich. Dafür widmet sich Salamun der Wirkung Poppers auf Schüler und Freunde, der internationalen Resonanz seines Denkens und der öffentlichen Rezeption in Österreich. (Kurt Salamun: „Ein Jahrhundertdenker - Karl R. Popper und die offene Gesellschaft“, Molden Verlag, 240 S., 25 Euro, ISBN 978-3-222-15019-7)

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Sammelband „Exilforschung“ - Was passierte mit den Vertriebenen nach 1938?

Wie erging es den aus Österreich - wegen ihrer Religion oder aus politischen Gründen - Vertriebenen nach dem „Anschluss“ an Hitler-Deutschland in ihrem Exil? Mit welchen Problemen hatten sie zu kämpfen? Warum kamen so viele nach 1945 nicht zurück? Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich der Sammelband „Exilforschung: Österreich - Leistungen, Defizite & Perspektiven“. Die Herausgeber Evelyn Adunka, Simon Usaty und Primavera Driessen Gruber geben im vierten Band der Reihe „Exilforschung heute“, eine erweiterte Sammlung der Beiträge der gleichnamigen Tagung an der Universität Wien im Jahr 2013, aber nicht nur einen Einblick in den Forschungsstand, sondern zeigen auch weiße Flecken auf der Forschungslandkarte auf und formulieren Wünsche für die Zukunft. Die Themenauswahl ist breit gefächert: So liest man etwa über die Erfahrungen österreichischer Kinder im Exil in Schweden. Man erfährt, welche Hilfsorganisationen und Netzwerke die Flucht erleichterten oder überhaupt erst ermöglichten. Und man wird sich bewusst, welche Auswirkungen erzwungene Emigration auf das Familiengedächtnis und die Psyche der Nachkommen der Vertriebenen hat. Besondere Schwerpunkte sind darüber hinaus dem Exil Musikschaffender sowie neuen Quellen und Zugängen in der Forschung gewidmet. (Evelyn Adunka, Primavera Driessen Gruber, Simon Usaty (Hg.): „Exilforschung: Österreich - Leistungen, Defizite & Perspektiven“, 4. Band der Buchreihe „Exilforschung heute“, Mandelbaum Verlag, 756 S., 29,90 Euro)

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Gerd B. Müller: „Vivarium“ - „Experiment in der Experimentalforschung“

Zur Blütezeit Wiens, als Egon Schiele und Gustav Klimt die Kunst der „Wiener Moderne“ und Adolf Loos und Otto Wagner die moderne Architektur schufen, Gustav Mahler und Arnold Schönberg die Musik voranbrachten, Sigmund Freud und Alfred Adler die Psychoanalyse begründeten, Ignaz Semmelweis und Karl Landsteiner die Grundlagen für die Wiener Medizinische Schule begründeten, kam auch die Biologie in der Moderne an. Der Zoologe Hans Leo Przibram, der Pflanzenphysiologe Wilhelm Figdor und der Botaniker Leopold von Portheim gründeten 1903 ein modernes Institut für die Lebenswissenschaften im „Wiener Vivarium“, einem Schauaquarium, das anlässlich der Wiener Weltausstellung 1873 im Wiener Prater erbaut wurde: die experimentelle „Biologische Versuchsanstalt“. Die Geschichte vom Aufstieg zur weltweiten Bedeutung des Instituts, das die Biologie in die Moderne tragen sollte, indem es quantifizierbare, mathematisch erfassbare und von theoretischen Konzepten geleitete Versuche forcierte, bis zu seinem jähen Untergang unter den Nazis, erzählt ein neues Buch, das Gerd Müller vom Konrad Lorenz Instituts für Evolutions- und Kognitionsforschung (KLI) in Klosterneuburg herausgegeben hat. Es war ein „Experiment in der Experimentalforschung“, meint er, doch durch sein Ende in einer sehr turbulenten Zeit war bisher wenig darüber bekannt. Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Schenkung der Biologischen Versuchsanstalt an die Österreichische Akademie der Wissenschaften hat Müller im Jahr 2014 zahlreiche Experten zu einer Konferenz an das KLI eingeladen, die verschiedenste Aspekte zur Versuchsanstalt untersuchten: mit welchen Fragestellungen man sich dort beschäftigte, welche Methoden die Biologen entwickelt und angewendet haben, welche Experimente sie durchführten, und was dabei herauskam. Sie haben ihr Wissen über die Wiener Institution nicht nur untereinander diskutiert, sondern nun auch in diesem englischsprachigen Buch verewigt. (Gerd B. Müller (Hg.): „Vivarium - Experimental, Quantitative, and Theoretical Biology at Vienna‘s Biologische Versuchsanstalt“, MIT Press, 304 Seiten, 35,99 Euro, ISBN: 9780262036702)