Durch den Hals in die Seele geschaut
Mehr als zwei Jahrzehnte war Hannes Picker HNO-Primar am Schwazer Krankenhaus. Der Arzt, der immer ein Ohr für seine Patienten hatte, verabschiedet sich mit „zwei dankbaren Augen“ in den Ruhestand.
Von Angela Dähling
Schwaz –Die Reinigungskraft schnürt wehmütig mehrere Müllbeutel in der leeren Ordination zu. Nur ein paar Nägel zieren die nackte Wand hinter dem Schreibtisch von Hannes Picker, wo jahrelang ein Wandteppich befestigt war. Für den beliebten HNO-Arzt ist es Zeit, Abschied zu nehmen und in einen neuen Lebensabschnitt zu starten: die Pension.
29 Jahre war Hannes Picker HNO-Arzt in Schwaz, 22 davon auch Primar im Bezirkskrankenhaus. Ein schwerer Abschied? „Ich gehe weder mit einem lachenden, noch mit einem weinenden Auge, sondern mit zwei dankbaren Augen. Denn Gott sei Dank ist nie was passiert“, resümiert der 65-Jährige. Und das sei nicht selbstverständlich. Für Picker ist vieles nicht selbstverständlich. Vielleicht ist das der Grund, warum er meint, viel Glück im Leben gehabt zu haben: mit den Kollegen und dem Pflegepersonal am Krankenhaus, wo es in all den Jahren kein böses Wort gab. Mit seinen vier Ordinationsgehilfinnen, die nie wechselten und von denen zwei ihm seit dem ersten Praxistag zur Seite stehen.
Harmonische Beständigkeit dominiert auch das Privatleben des Arztes. Mit 19 Jahren lernte er die US-Amerikanerin Christine kennen. „Es war Mittwoch, der 23. Februar 1972. Ich legte in einem Lokal in Innsbruck Platten auf und dann stand sie auf einmal da“, erinnert er sich an die erste Begegnung mit seiner Frau, die ihm seither den Rücken stärkt. Damals wusste er bereits, dass er Arzt werden wollte. Warum Arzt? „Eindeutig wegen meiner sozialen Ader“, antwortet Picker. Der empathische Mediziner mag die Menschen: ob Mann, Frau, jung oder alt. Wegen dieser Mischung aus Patienten ist für ihn das HNO-Fachgebiet auch „das beste, das es gibt“, wie er sagt. Besonders geprägt hat ihn nach vier Jahren am BKH Schwaz seine Facharztausbildung an der Uni-Klinik Innsbruck unter Professor Heinrich Spoendlin. „Er war menschlich und fachlich Extraklasse“, sagt Picker, der sieben Jahre an der Uni-Klinik blieb. 1989 machte der junge Arzt in der Marktstraße 16 in Schwaz seine erste Ordination auf. Nach zehn Jahren übersiedelte er ins Ärztehaus in der Andreas-Hofer-Straße. Da war er bereits drei Jahre als Primar und anfangs einziger HNO-Arzt am Schwazer Krankenhaus tätig. Inzwischen sind dort fünf HNO-Ärzte und alle haben eine eigene Kassenordination. Den Patienten von der Erstdiagnose über die OP bis zur Nachbehandlung zu behandeln, sei das Erfolgsgeheimnis, meint Picker.
Rund 12.000 Operationen hat er inzwischen durchgeführt und miterlebt, wie sich durch endoskopische Operationsmethoden neue Welten im HNO-Bereich auftaten. Früher war ein Schnitt – meist in der Augenbraue – nötig, um von außen an das Problemfeld Nase/Stirnhöhle zu gelangen. „Seit den 80er-Jahren wird narbenfrei mittels Lupen, die durch die Nase eingeführt werden, operiert.“ Auch Mandeloperationen, die früher häufig bei Kindern durchgeführt wurden, weil dazumal Antibiotika nicht wie heute zur Verfügung standen, sind nun eine Seltenheit. Die meisten seiner Patienten hatten durch schiefe Nasenwände und Polypen mit blockierter Atmung und Nasennebenhöhlen-Entzündungen zu kämpfen. Neben Mittelohrentzündungen hätten Hörstürze immer mehr zugenommen. „Eine moderne Stresskrankheit“, sagt Picker .
„Rund ein Drittel der HNO-Erkrankungen haben psychische Hintergründe“, lautet Pickers persönliche Bilanz. Meist seien zwischenmenschliche Probleme bei Frauen und berufliche bei Männern der Grund dafür, sich wie gewürgt zu fühlen und einen Knödel im Hals zu spüren, obwohl medizinisch alles in Ordnung ist. Zuhören sei da die beste Medizin, sagt Picker, dessen Credo „Empathie“ lautet.
Acht Abschiedsfeiern, stapelweise Geschenke von Patienten, Kollegen und Mitarbeitern versüßen dem Arzt den Abschied vom Berufsleben. Er will sich nun Zeit für Reisen mit seiner Frau und für seine vier Enkel nehmen. „Und das Gitarrespielen verbessern“, sagt er. Im BKH nahm man ihn beim Wort: Neben einer Ukulele bekam er eine Flamenco-Gitarre samt Gitarrenkurs in Sevilla zum Abschied geschenkt.