Heiliges Grab: Eine alte Tradition wird wieder lebendig

In der Zeit um Ostern sind in vielen Tiroler Kirchen Heilige Gräber zu sehen. Eines der größten wird in St. Johann aufgestellt.

Am fertig aufgebauten Ostergrab leuchten Glaskugeln, die mit gefärbtem Wasser gefüllt sind.
© Hofinger

St. Johann i. T. –„Ich brauche einen Siebzehner-Schlüssel“, ruft ein Mann mit gelbem Bauarbeiterhelm hinter dem Altar. Zwei Kollegen legen den Leichnam Jesu vorsichtig quer über die vorderen Kirchenbänke. In der Woche vor dem Ostersonntag wird in der Dekanatspfarrkirche in St. Johann nicht nur gebetet, sondern auch geschuftet. Seit den frühen Morgenstunden arbeiten am vergangenen Dienstag rund 30 Freiwillige am Ostergrab. Dafür müssen riesige Bildteile an hohen Holzrahmen befestigt werden. Insgesamt sind es 54. Die Männer, die am Baugerüst arbeiten, müssen nicht nur schwindelfrei sein. „Für diese Arbeit braucht es Fachkräft­e, es sind zum Beispiel zwei Zimmerleut­e dabei“, erklärt Claus Hofinger, der neben Günther Huber am Boden Regie führt.

Ihm ist es zu verdanken, dass das Ostergrab heuer zum 13. Mal aufgestellt werden kann, nachdem der Brauch zuvor rund 50 Jahre nicht mehr gelebt wurde. „Ich wusste, irgendwo muss vom Grab noch was übrig sein“, erzählt der ehemalige Kulturreferent der Gemeinde. In der Empore wurde er fündig. „Dort waren 19 Grabteile gelagert. Sie waren so gut erhalten, dass man sie restaurieren konnte.“

Rund 30 Freiwillige helfen jedes Jahr beim Aufstellen des Ostergrabes in der Dekanatspfarrkirche in St. Johann.
© Hotter

Das Ostergrab wurde Anfang des 19. Jahrhunderts anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der Pfarrkirche in Auftrag gegeben. Die hochwertigen Malereien wurden von Josef Arnol­d dem Älteren (1788–1879) geschaffen und von Professor Josef Ghezzi originalgetreu restauriert. Als Vorlage diente ein Schwarz-Weiß-Bild des aufgestellten Grabes aus den 1950er-Jahren. An den Kosten (120.000 Euro) haben sich Land, Bund, Gemeinde und die Kirche beteiligt, so Hofinger. Heute beträgt die Versicherungssumme 200.000 Euro. Mit elf Metern Höhe und 9,5 Metern Breite ist das St. Johanner Ostergrab eines der größten und beeindruckendsten in Tirol.

Mittlerweile fehlen nur noch zwei Bildteile, bis die Kulisse fertig ist. Zwei Männer tragen schon einmal eine Art hölzernen Kranz zum Altar. „Da kommen die Kugeln rein“, erklärt Hofinger. Gemeint sind jene Glaskugeln, die jedes Jahr mit gefärbtem Wasser gefüllt werden. „Früher wurden die Kugeln dann mit Öllichtern beleuchtet“, weiß Hofinger. Heute dienen herkömmliche Glühbirnen als Leuchtkörper.

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Das Ostergrab jedes Jahr wieder von Neuem aufzustellen, macht für Hofinger deshalb Sinn, „weil man so die Ostergeschichte den Menschen näherbringen kann“. Es ist eine Tradition. Und Traditionen sind wichtig, ist Hofinger überzeugt und erinnert dabei an ein Zitat von Reinhold Stecher: „Der Mensch kann ohne Tradition kein Mensch sein (…). Traditionsbrüche bedeuten Entfremdung für den Menschen. Ein gewisses Maß von Bleibendem, Vertrautem muss er haben.“

Tradition ist auch, dass das Grab am Ostersamstag von den St. Johanner Schützen bewacht wird. Am Abend findet dann für viele der Höhepunkt statt: Die Auferstehung Christi wird dargestellt. Am darauffolgenden Dienstag wird das Grab wieder abgebaut und verstaut – bis zum nächsten Osterfest. (miho)


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