Interview

Dakar-Sieger Walkner: „Die Glücksblase kann schnell platzen“

Derzeit sitzt Rallye-Dakar-Sieger Matthias Walkner in Abu Dhabi im Sattel seiner KTM. Der 31-Jährige hat noch lange nicht genug.
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Derzeit gibt Rallye-Star Matthias Walkner (31) in Abu Dhabi Gas. Zuvor sprach der Salzburger mit der TT über das Leben nach dem Dakar-Sieg, „Spezl“ Marcel Hirscher und warum Selbstvertrauen kontraproduktiv sein kann.

Haben Sie schon realisiert, was Sie da im Jänner mit dem ersten rotweiß­roten Dakar-Sieg vollbracht haben?

Matthias Walkner: Ja und nein. Wenn ich daheim in den eigenen vier Wänden bin und die Trophäe nicht sehe, dann nicht. Wenn ich aber zum Einkaufen oder Tanken fahre und mich die Leute erkennen, dann wird es einem erst wieder bewusst. Das macht mich schon stolz.

Nehmen Sie uns mit: Wie waren die zwei Wochen?

Walkner: Vor dem Rennen habe ich mir gedacht: „Ich bin top vorbereitet!" Beim Start habe ich aber schnell gemerkt, dass ich zu viel Höhentraining gemacht habe. Ich war körperlich angeschlagen. Da war ich froh, dass die erste Woche irgendwie vorüberging und ich in Schlagdistanz zum Podium war. Aber ans Siegen habe ich nicht gedacht. Dann sind die Konkurrenten noch einmal schneller geworden und in mir sind Zweifel aufgekommen.

Warum?

Walkner: Ich habe gemerkt, dass ich auf Dauer über mein Limit gehen müsste. Das Risiko für Verletzungen und der Kontrollverlust wären parallel gestiegen. Und kurz bevor diese entscheidende zehnte Etappe war, habe ich zu Stefan Huber (Technischer Teammanager KTM, Anm.) gesagt: „Das gibt es nicht. Diese Jungs können das nicht mehr kon­trolliert navigieren. Ich kann nicht mehr tun, sonst wird es gefährlich." Dann verschätzte sich die Konkurrenz am zehnten Tag um 500 Meter.

Alle Spuren gingen in eine andere Richtung — haben Sie da nicht gezweifelt?

Walkner: Sehr sogar. Irgendwie hat aber mein Bauch gesagt: „Da bist du richtig." 20 Kilometer lang habe ich gegrübelt und gezweifelt, bis endlich der Referenzpunkt gekommen ist.

Was hat der Erfolg mit Ihne­n gemacht?

Private Stütze und erste Gratulantin nach dem Dakar-Sieg: Walkners Freundin Petra.
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Walkner: Nicht wirklich viel. Es war eine Genugtuung. Abheben kommt aufgrund meiner Vorgeschichte beim Motocross aber nicht in Frage. Da kannte mich nach dem Weltmeistertitel (2012, Anm.) keiner. Ich schätze den Erfolg und es macht mich stolz, mit einem Dietrich Mateschitz reden zu dürfen. Oder dass das KTM-Team in Oberösterreich einmal eine Stunde lang die Produktion einstellt, um mit mir zu feiern. Das ist eine unglaubliche Wertschätzung.

Und dann kommt noch Österreichs Ski-Superstar Marcel Hirscher und sagt: „Der Matthias ist mein Sportler des Jahres."

Walkner: Das war extrem geil! Ich habe ja mehrere Jahre mit Ferdl (Papa Hirscher, Anm.) zusammengearbeitet. Daher weiß Marcel genau, was ich für eine Dakar für einen Aufwand leisten muss.

Sehen Sie sich oft?

Walkner: Wir telefonieren regelmäßig und sehen uns ungefähr zehnmal im Jahr, wie es die Reisen halt zulassen. Ich schaue mir all seine Rennen an, genauso verfolgt Marcel meine Auftritte.

Was kommt nach dem Dakar-­Erfolg? Ist da jetzt eine Leere?

Walkner: Nein. Es gilt nun einfach so weiterzumachen und den Titel zu verteidigen. An der Motivation scheitert es sicher nicht. Wenn du den Sieg einmal gekostet hast, willst du mehr davon.

Der Triumph bringt weitere Opfer mit sich, denn nun dürften Sie weniger Zeit für Ihre Freundin gehabt habe­n.

Walkner: Das ist keine große Sache. Wenn ihre Arbeitskollegin krank wird, muss sie aushelfen. Da kann ich mich auch nicht beschweren. Ihr wäre es sicher nicht lieber, wenn ich Siebter geworden wäre, mehr Zeit hätte, dafür jedoch nur muffelig auf der Couch sitze.

Wie oft musste Ihre Freundin mit Ihnen zittern? Wie oft war es brenzlig?

Walkner: Die erste Woche war extrem zach. Sehr anspruchsvolle, hohe Dünen, die einem so viel abverlangen. Da ging es mir körperlich auch noch so schlecht. In der zweiten Woche ging es besser. Da kam ab dem zehnten Tag aber der Kopf dazu, denn auf einmal führst du und willst das Ding nach Hause fahren. Die innere Stimme sagt dir: „Die Chance wird nie mehr so groß, das zu gewinnen!" Du hörst auf einmal auf jedes Geräusch am Bike und man nimmt ganz andere Sachen wahr. Normalerweise bin ich bei solchen Dingen ja schmerzbefreit, aber wenn es ein solch großes Rennen ist, sieht das anders aus. Das ist wie bei Marcel, wenn alle nur noch von der einen fehlenden Medaille reden.

Vor einem Jahr hatten Sie Probleme mit dem Selbstvertrauen. Diese Tage dürften passé sein.

Walkner: Das kann aber betrogen sein. Wenn du durch ein Flussbett mit Steinen fährst, hast du bei unserem Tempo fast keine Chance auszuweichen. Wenn du stürzt und dir nichts passiert, vergisst du das schnell wieder. Ich weiß noch: Am vierten oder fünften Renntag habe ich mich verfahren und war extrem wütend. Mit der Wut im Bauch habe ich Vollgas gegeben und wusste nach der Zieldurchfahrt: „Okay, das geht kein zweites Mal gut." Da habe ich mich versucht einzubremsen, denn über ein­e 400 Meter hohe Düne mit 150 km/h drüberzurasen — da fehlt dir die Kontrolle. Dies­e Glücksblase kann schnell platzen. Und dann wird es schmerzhaft.

Welche Rolle spielt Tirols Motocross-Legende Heinz Kinigadner?

Walkner: Der Anteil ist nicht übertrieben groß, aber sehr wichtig. Das ist, wie wenn der Ferdl zum Marcel sagt, er soll das siebte von den 20 Paar Ski vor ihm nehmen. So ist der Heinz für mich. Er sieht es nüchtern, weiß, worum es geht, und auf das vertraue ich. Ohne Heinz hätte ich ja nie mit Rallye begonnen, er hat mir den Weg geebnet.

Das Gespräch führte Daniel Suckert