„Im Verborgenen“: Im Taumel der Schicksalsschläge
Wien (APA) - Wie gut es einem geht, in Frieden und sozialer Sicherheit, kann man erst ermessen, wenn man sich mit den Schicksalen anderer Me...
Wien (APA) - Wie gut es einem geht, in Frieden und sozialer Sicherheit, kann man erst ermessen, wenn man sich mit den Schicksalen anderer Menschen beschäftigt. „Im Verborgenen“, der Debütroman von Ljuba Arnautovic, trifft einen wie ein Keulenschlag: Vorbild für die Autorin war das Leben ihrer eigenen Familie. Am Mittwoch ist Präsentation.
„Bei dem Buch handelt es sich um eine fiktive Familiengeschichte, die auf realen Geschehnissen beruht“, heißt es über den Roman der 1954 in Kursk in der Sowjetunion geborenen und seit 1987 in Wien lebenden Autorin. „Der Text ist aus persönlichen Erinnerungen, intensiver Recherche und Interviews mit Zeitzeug/innen und Historiker/innen entstanden.“ Die Großmutter der Verfasserin stand für die Hauptfigur Genofeva, die sich später Eva nennt, Patin. Sie ist im Wien der Zwischenkriegszeit eine engagierte Linke - was in der Hochblüte des „Roten Wien“ für viel Fortschrittsglauben und Gemeinschaftsgefühl sorgt, sich im Austrofaschismus und unter der NS-Herrschaft aber bitter rächen wird.
Eva wird bis auf ihr Leben fast alles verlieren. Sie wird wiederholt verhaftet, eingesperrt und gefoltert. Sie verschickt ihre beiden Söhne als „Schutzbundkinder“ mit der „Roten Hilfe“ zur Erholung zu den Genossen nach Moskau - eine Idylle, die sich spätestens nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion in eine Lagerhölle verwandelt, die ein Sohn nicht überlebt. Am Ende, als nach allem Leid ein Neubeginn greifbar scheint, wird sich ihr Mann, den sie in Wien als U-Boot durch Krieg und Verfolgung gebracht und im Versteck heimlich geheiratet hat, das Leben nehmen.
Ljuba Arnautovic hat unzählige einzelne Spuren gesichtet und gesichert, viele Lebensgeschichten festgehalten. Immer wieder sind kursiv gesetzte Briefe oder behördliche Schreiben und Bescheide eingearbeitet - es sind Originaldokumente, die Fakten beglaubigen, die man lieber für dichterische Erfindung hielte. Der Erzählfluss springt hin und her, zwischen einzelnen Protagonisten und verschiedenen Zeitebenen, was die Orientierung nicht immer erleichtert, doch gelingt es der Autorin immer wieder, uns mit wenigen Sätzen mit ihren Figuren erneut vertraut zu machen.
Am Ende hätte man gerne noch mehr von diesen vom Schicksal Gebeutelten erfahren, von denen Arnautovic liebevoll, aber ohne Sentimentalität, erzählt - von „Karl, dem Kleinen“, der es lange nach dem Krieg zurück nach Österreich schaffen wird, oder von Eva, die sich 1967 als Pensionistin ihren alten Traum vom Jusstudium erfüllen wird. Ehrfürchtig und ein wenig scheu wird ihre Enkelin ihren traurigen Geschichten lauschen. Jetzt hat sie daraus einen berührenden Roman gemacht, der einen mit Bitterkeit gegenüber dem erfüllt, was Totalitarismus und Krieg Menschen antun kann. Und mit Dankbarkeit gegenüber dem, was einem selbst alles erspart geblieben ist.
(S E R V I C E - Ljuba Arnautovic: „Im Verborgenen“, Picus Verlag, 194 Seiten, 22 Euro, Präsentation am 4. April um 19.30 Uhr, Albert-Schweitzer-Haus, Schwarzspanierstraße 13, 1090 Wien)