Osterbräuche in Tirol

Und dafür gibt’s dann auch den kirchlichen Segen

Im Stanzertal wurde der Brauch des Ratschens reaktiviert. In St. Anton stimmten Kinder die Bewohner damit auf das Osterfest ein.
© Paul Schranz

Die Geschichte der Osterbräuche erzählt von weit verbreiteten, wenig bekannten, vergessenen und wieder belebten Ritualen. In Tirol gibt es besonders viele.

Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck, Terfens — Das Heilige Grab in Miniaturform entstand schon um 1860, doch die nur wenige Zentimeter kleinen, bunten Osterkugeln leuchten nicht weniger stark als die großen gleich nebenan in der Kirche. „Solche Hausmodelle der Ostergräber sollten den Menschen die schwer verständliche, zu dieser Zeit in Latein gefeierte Osterliturgie zugänglicher machen und hinaus in die Familien bringen", sagt Rudolf Silberberger, der das gut erhaltene Kunstwerk immer vor Ostern im Pfarrhaus Terfens aufstellt.

Vor Ostern stellt Pfarrer Rudolf Silberberger immer ein Hausmodell eines Heiligen Grabes in Miniaturform im Pfarrheim Terfens auf. Es entstand 1860.
© Rudy De Moor

„Die Osterbräuche sind entstanden, um die zentrale Botschaft dieser Zeit weiterzutransportieren. Das ist ihr Sinn, sie sind eine Art Volksliturgie", ergänzt der Kunstbeauftragte der Diözese Innsbruck und Pfarrer in Terfens.

Das gilt auch für die Kalvarienberge: „Im späten 19. Jahrhundert wurde es Mode, nach Jerusalem zu pilgern und von dort Steine mitzubringen. Aber natürlich war das für viele nicht möglich. Deshalb wurden Nachbildungen der Passion Christi gebaut." In die Treppe zur Kalvarienbergkapelle in Achenkirch, ein Nachbau der heiligen Stiege von Jerusalem in Rom, seien einige solcher steinernen Mitbringsel eingebaut worden.

Silberberger: „Ostern ist das zentrale Fest im Kirchenjahr. Alles hat mit der Auferstehung begonnen, ohne sie gibt es keine Hoffnung. Erst später hat man daran gedacht, dass Jesus auch einmal ein Kind gewesen sein musste." So entstand Weihnachten. Die Osternachtfeier mit ihren Lichtern wurde durch verschiedene Bräuche in die Familien getragen, einer ist das Verbreiten des Osterfeuers. Früher waren es die Kinder, die damit von Haus zu Haus gingen und dafür etwas Geld bekamen. „Heute kommen die Leute mit den Osterkerzen in die Kirche." Um die Glaskugeln bei den Heiligen Gräbern zum Leuchten zu bringen, werden dahinter Lichtquellen aufgestellt. „Was sie aber so besonders macht und so schön glänzen lässt, ist das Wasser, mit dem sie gefüllt werden", erzählt der Diözesankurator. Meistens wird es mit Ostereierfarben vermengt. Nur wenige Kugeln sind aus buntem Glas.

Schützen bewachen das Heilige Grab in der Dekanatskirche St. Johann. Die Tradition wurde vor einigen Jahren wiederbelebt.
© Wörgötter

In Tirol gibt es im Vergleich zu anderen Bundesländern noch eine große Anzahl Heiliger Gräber: Viele entstanden in der Barockzeit — wie jenes in Prutz, das um 1680 errichtet wurde und kunstgeschichtlich als das älteste bekannte und noch erhaltene Heilige Grab in Tirol gilt. Der Unterschied zum 1954 gebauten Werk von Clemens Holzmeister in Fulpmes ist groß. Der bekannte Stubaitaler Architekt hatte es in den Bühnenwerkstätten der Salzburger Festspiele herstellen lassen.

Eine der bedeutendsten Fastenkrippen Tirols mit 250 Figuren aus Papier und 35 Einzelszenen aus dem späten 18. Jahrhundert steht in der Pfarrkirche Götzens, in manchen Kirchen gibt es eine Nachbildung. Im Gegensatz zu Weihnachtskrippen haben sie sich in den Stuben daheim nicht durchgesetzt — wohl wegen der dramatischen, blutigen Szenen.

Ein beliebter Brauch ist der Gang "über’s Bergl" in Imst. Der Sieben-Kapellen-Weg entstand im 16. Jahrhundert und ist einer der ältesten Kreuzwege im deutschsprachigen Raum.
© Daum

Der Brauch, mit klappernden Ratschen durch die Straßen zu ziehen, ist in vielen Orten in Vergessenheit geraten, bedauert Pfarrer Silbernagel. Manche haben ihn aber wieder entdeckt und auferstehen lassen — wie in St. Anton. Auch wenn das heute nicht mehr ersichtlich ist: Die Tradition, zu Ostern Eier zu verschenken, hat religiösen Ursprung. „Sie stammt aus einer Zeit, in der nach Aschermittwoch nicht einmal Eier gegessen werden durften, erst wieder am Ostersonntag. Sie sind aber auch ein Symbol für die Auferstehung und das neue Leben." Und sogar der Osterhase hat einen kirchlichen Hintergrund, er steht für die Fruchtbarkeit.

Brauchtum hat immer eine große gesellschaftliche und soziale Bedeutung, so Silberberger. „Es fördert das Miteinander, und dafür kann man gar nicht genug tun — gerade in unserer Zeit des Neben- und Gegeneinander." Und dafür gibt's dann auch den kirchlichen Segen. Er selbst sieht sich am Ostermontag immer verschiedene Heilige Gräber an — auch das ist ein Brauch, der dazu geeignet ist, mit anderen ins Gespräch zu kommen.

In der Liebfrauenkirche in Pfunds sind die Mitglieder der Heiliggrab-Bruderschaft vor Ostern traditionell einen Tag im Gebet versunken, zur vollen Stunde erfolgt die Ablöse.
© Reichle