„Dunkelgrün fast schwarz“: Romandebüt voll Licht und Schatten

Wien (APA) - Die einen versuchen als gute Menschen durchs Leben zu gehen, offen, hilfsbereit und verletzbar. Die anderen scheinen geborene S...

Wien (APA) - Die einen versuchen als gute Menschen durchs Leben zu gehen, offen, hilfsbereit und verletzbar. Die anderen scheinen geborene Sieger, wirken überlegen und charmant, sind aber Egoisten durch und durch. Jeder kennt solche Typen. Die Salzburgerin Mareike Fallwicki hat aus diesem Gegensatz eines der interessantesten Debüts dieses Frühjahrs gemacht.

Fallwickis Roman hat einen seltsamen, geheimnisvollen Titel: „Dunkelgrün fast schwarz“. Dem Leser erschließt er sich bald. Hauptfigur Moritz ist Synästhetiker. Seine Umgebung nimmt er in intensiven, sich nach Gefühlszuständen verändernden Farben wahr. Und so liest sich eine Wiederbegegnung mit seinem Jugendfreund Raffael nach 16 Jahren ungewöhnlich: „Das Grün ist dunkler geworden, viel dunkler, tief und massiv, fast schwarz. (..) Einst war Raffael knospengrün, raupengrün, wie Zuckererbsen in ihrer frisch geöffneten Schote, an manchen Tagen limonenhell. Schwarze Flecken hat das Grün bekommen, wie Schimmel.“

Der hübsche Raffael offenbart seinen Charakter schon im Kindergarten: Er ist bestimmend, boshaft und selbstsicher. Ihn mag niemand zum Feind haben. Umso glücklicher ist der kleine, schüchterne Moritz, als er glaubt, in ihm bereits am ersten Tag nach seinem Umzug von Wien nach Hallein einen Freund gewonnen zu haben. Es wird sein einziger bleiben. Und die Freundschaft zwischen „Raf“ und „Motz“ wird immer eine ungleiche sein - in der Kindheit, in der Pubertät und auch später, bei der Wiederbegegnung der beiden Männer. Da wird sich der plötzlich wieder aufgetauchte Raffael mit einer Selbstverständlichkeit und Intensität in das Leben seines Freundes drängen, die nicht nur Moritz, sondern auch dessen hochschwangeren Freundin Kristin die Luft zum Atmen nimmt.

Von der Gegenwart führt Fallwicki immer wieder in verschiedene Abschnitte der Vergangenheit und wieder zurück, und jedes Mal enthüllt sich ein bisschen mehr von den Abgründen dieser seltsamen Abhängigkeit, in die auch andere verstrickt sind. Kapitelweise verschieben sich die Perspektiven, etwa zu Marie, der Mutter von Moritz, die sich mit dem Vater von Raffael auf eine verhängnisvolle Affäre einlässt, oder zu Johanna, der Mitschülerin, die den Zweibund zu einer Dreiecksbeziehung werden lässt, deren verborgene wahre Dimension Moritz erst ganz am Ende bewusst wird.

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Effektsicher baut die 1983 in Hallein geborene Autorin, die ihre Heimatstadt sowie den oberhalb gelegenen Ort Dürrnberg zum Hauptschauplatz der Handlung macht, ihre Geschichte. Das Staunen über die ungewöhnlich in Worte gefasste Welt-Wahrnehmung Moritz‘ weicht jedoch mit Fortdauer der Lektüre einer Irritation: Bald hat man durchschaut, wie der Hase läuft, doch in immer neuen Variationen wird das Beziehungsnetz der Abhängigkeiten gewoben.

Das ermüdet, zumal auch der Autorin eine gewisse Selbstverliebtheit nicht abzusprechen ist. Wo sie sich sicher fühlt, trägt sie immer dicker auf. Das gilt für die Farbenexplosionen, die allmählich manieriert wirken, ebenso wie für die sexuelle Abhängigkeit, in die Johanna wie Marie geraten. In den Szenen, in denen das Rasen der Leidenschaft tobt, droht dem Roman eine nicht unerhebliche Änderung in der Farbskala: Von „Dunkelgrün fast schwarz“ zu „50 shades of grey“. Und schließlich gibt es noch eine betrübliche Botschaft für alle an die Errungenschaften der Emanzipation glaubenden Vertreter des starken Geschlechts: Die „guten Kerle“ werden von den Frauen nur zur Not genommen. „In Wahrheit begehren wir die, die uns verachten, die uns spüren lassen, dass wir niemals in ihrer Liga spielen werden“, gibt Marie preis. Solche Sätze lassen einen rot sehen. Ganz ohne Synästhesie.

(S E R V I C E - Mareike Fallwicki: „Dunkelgrün fast schwarz“, Frankfurter Verlagsanstalt, 478 Seiten, 24,70 Euro, Lesungen u.a. am 5.4., 19 Uhr, in der Buchhandlung LeseTräume, Hallein, am 10.4., 19 Uhr, im Literaturhaus Wien)


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