Russisches Notwitschok-Labor angeblich identifiziert

Das russische Labor, aus dem das Gift für den Anschlag auf den Ex-Doppelagenten Skripal stammt, wurde einem Medienbericht zufolge identifiziert. Bundeskanzler Kurz verwahrt sich indes gegen Einschätzungen, wonach sich Österreich mit der Entscheidung, keine russischen Diplomaten auszuweisen, international isoliert und die EU-Linie gebrochen habe.

Ein Polizist in jenem Gebäude in Salisbury, in dem Sergej Skripal und seine Tochter Yulia gefunden wurden.
© Reuters

London – Britische Experten haben einem Medienbericht zufolge das russische Labor identifiziert, aus dem das Gift für den Anschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal stammen soll. Dies sei mit Hilfe von wissenschaftlichen Analysen und der Geheimdienste gelungen, berichtete die Zeitung The Times am Donnerstag. Die Experten seien sich recht sicher, wenn auch nicht zu 100 Prozent.

Eine klare Quelle nannte das Blatt allerdings nicht. Ein Regierungssprecher wollte den Bericht auf Anfrage nicht kommentieren. Die britische Forschungsanlage Porton Down hatte zuvor berichtet, dass die präzise Quelle für das Nervengift Nowitschok unklar sei.

Sergej Skripal und seine Tochter Yulia waren vor einem Monat bewusstlos auf einer Parkbank im südenglischen Salisbury aufgefunden worden. London bezichtigt Moskau als Drahtzieher des Attentats. Der Fall löste eine schwere diplomatische Krise aus.

Russland forderte eine Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen, die noch an diesem Donnerstag stattfinden sollte. Wegen seiner Vorwürfe an Moskau gerät der britische Außenminister Boris Johnson zunehmend unter Druck. Labour-Chef Jeremy Corbyn warf Johnson vor, dass er entweder nicht all sein Wissen preisgebe oder übertreibe. Labour-Politikerin Diane Abbott sprach von Irreführung der Öffentlichkeit. Johnson erwiderte, dass der Oppositionschef genauso wie Russland versuche, Großbritannien zu diskreditieren.

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In einem Interview mit der Deutschen Welle hatte Johnson kürzlich auf die Frage nach Belegen für die Herkunft des Gifts aus Russland gesagt: „Als ich nach dem Beweis geschaut habe, waren die Leute des Laboratoriums Porton Down sehr bestimmt.“ Er habe einen Experten dort gefragt: „Sind Sie sich sicher? Der habe geantwortet: „Es gibt keinen Zweifel.“ Dies habe zu den Maßnahmen gegen Russland geführt.

Kurz vor einer Sondersitzung des UNO-Sicherheitsrates über den Giftanschlag verstärkt sich in Deutschland die Debatte über das richtige Vorgehen gegen Russland. Der Russlandbeauftragte der deutschen Bundesregierung, Gernot Erler, forderte am Donnerstag, dass man vor weiteren Maßnahmen gegen Russland die Analyse des Gifts abwarten solle.

Kurz: Österreich nicht isoliert

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) verwahrte sich indes gegen Einschätzungen, wonach sich Österreich mit der Entscheidung, keine russischen Diplomaten auszuweisen, international isoliert und die EU-Linie gebrochen habe. „Das ist einfach nicht richtig“, sagte Kurz am Mittwochabend in der „Puls 4 Arena“.

Österreich habe beim EU-Gipfel seine Solidarität mit Großbritannien bekundet und Russland dafür verurteilt, dass es „aller Wahrscheinlichkeit nach für den Giftanschlag verantwortlich ist“. Man stehe außerdem hinter der Entscheidung, den EU-Botschafter aus Moskau für Konsultationen nach Brüssel zurückzuberufen, sagte der Kanzler.

In der Frage der Diplomaten-Ausweisung könne man aber nicht von EU-Linie sprechen, da sich „rund ein Drittel der Staaten“ anders entschieden habe, darunter auch Österreich. Als Gründe nannte Kurz im österreichischen Fall die Neutralität und dass Wien Sitz vieler internationaler Organisationen sei.

Außerdem habe das Land eine Tradition als Brückenbauer zu Russland bei gleichzeitiger fester Verankerung im Westen. Darüber herrsche ein parteiübergreifender Konsens. Andere Länder - wie die baltischen Staaten, oder Polen - hätten aufgrund ihrer Geschichte ein anderes Verhältnis zu Russland. Für beide Wege müsse man Verständnis aufbringen, so Kurz. (APA/dpa/Reuters)


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