14 Jahre Haft für Mordversuch: ,,Er war die Liebe meines Lebens“

Nach einem durchzechten Abend hatte eine 23-Jährige mit einem Küchenmesser auf ihren Lebensgefährten eingestochen. Die Frau wurde zu 14 Jahren Haft verurteilt.

Die zweifache Mutter machte beim Prozess Erinnerungslücken zum Tatzeitraum geltend.
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Von Reinhard Fellner

Innsbruck –Hätte Unglück einen Namen, hieße es wohl wie eine gestern am Landesgericht wegen Mordversuchs angeklagte Innsbruckerin. So stammt die heute 23-Jährige aus desolaten familiären Verhältnissen und kam, ohne jemals ihren Vater kennen gelernt zu haben, bereits mit 13 Jahren in ein Heim, um nach Misshandlungen doch wieder zur Mutter zurückzukehren. Weiters folgten gescheiterte Ausbildungsversuche und in zeitlich direktester Abfolge zwei Kinder von einem schon wieder längst verflossenen Mann.

Darauf lernte die Innsbruckerin jedoch „die Liebe ihres Lebens kennen“ und wohnte mit dem 24-Jährigen in einer Stadtwohnung. Doch anstatt sich zu bemühen, das vollständige Sorgerecht für ihre Kinder wiederzuerlangen und den laufenden AMS-Kurs zu beenden, sprach die 23-Jährige leider weiter nicht zu knapp dem Alkohol zu.

Nachbarn alarmierten Polizei

Auch am 26. Juli letzten Jahres, wo die Frau mit dem Lebensgefährten und Bekannten von 18 Uhr bis Sperrstunde ein Lokal in Wilten aufgesucht hatte. Trotz der Einnahme von Antibiotika betrank sich die Innsbruckerin dort mit gespritztem Weißwein und Nussschnaps, bis sie mit – später gemessenen – 1,8 Promille nach Hause getorkelt war. Als alle vier Personen in die Wohnung zurückgekehrt waren, hatten Nachbarn aufgrund von Streitigkeiten bereits die Polizei alarmiert. Diese nahm nach Sachbeschädigungen Alkoholproben und beschwichtigte. Aber schon Minuten darauf war der Streit erneut entbrannt und konzentrierte sich auf die 23-Jährige und ihren Lebensgefährten.

Nach den Zeugenaussagen kam es dann zu einer nicht vorhersehbaren Bluttat: „Sie kam dann mit einer weiten grauen Jacke zurück und setzte sich auf den Schoß ihres Freundes. Von Angesicht zu Angesicht rammte sie ihm darauf das Küchenmesser zweifach in die Brust. Da wir Angst hatten, dass sie auch auf uns losgeht, schlugen wir ihr das Messer aus der Hand. Ihr Lebensgefährte schaute erst komisch und stürzte letztlich kopfüber von der Couch.“

Täterin spricht von Erinnerungslücken

Eine Schilderung, der Verteidiger Martin Rungaldier nur schwer widersprechen konnte, da sich seine Mandantin auf weitreichende Erinnerungslücken zum Tatzeitraum berufen hatte. „Ich weiß noch, dass ich auf seinem Schoß saß, später kann ich mich erst wieder an das Polizeiauto erinnern“, so die Innsbruckerin vor dem Schwurgericht unter Leitung von Richter Günther Böhler.

Dass das Opfer die Attacke mit einem Messer mit 21 Zentimetern Klingenlänge überlebt hatte, war laut Gerichtsmedizinerin Marion Pavlic reines Glück. Wurde beim zweiten Hieb doch die untere Hohlvene der rechten Herzkammer durchstochen, was zum sofortigen Tod führen kann. Ein zufälliges Blutgerinnsel hatte jedoch zu einer lebensrettenden Verstopfung geführt. Trotzdem ist es jedoch zu einem „schweren Leiden“ durch eine ramponierte Herzklappe gekommen. Anwalt Markus Ganzer verlangte dafür erst einmal 5000 Euro Teilschmerzensgeld.

Kurzschluss unter Alkoholeinfluss

Die Erinnerungslücken der Angeklagten waren für die erfahrene Gerichtspsychiaterin Adelheid Kastner zumindest aus forensischer Sicht nicht zu erklären. Hatte sich die Innsbruckerin kurz nach der Tat doch noch an einiges erinnern können und ist auch sonst geistig und seelisch als völlig gesund einzustufen. Kastner: „Hier liegt wohl keine Erinnerungsunfähigkeit, sondern -unwilligkeit vor. Dinge, die sehr belastend sind, schiebt der Mensch eben auch in die Erinnerungslosigkeit. Verdrängung nennt man so etwas!“

Wie Verteidiger Rungaldier wies Staatsanwalt Hannes Wandl jedoch auf ein Überwiegen der Milderungsgründe für die Täterin hin: „Es war eine Kurzschlussreaktion unter Alkoholeinfluss. Mehr brauche ich aber nicht für einen Mordvorsatz. Denn da braucht man wohl nicht lange herumzudiskutieren, dass jeder weiß, dass es tödlich sein kann, wenn man jemandem ein Küchenmesser in die Brust rammt.“ Wandl wies dazu aber auf eine verminderte Zurechnungsfähigkeit durch die hohe Alkoholisierung hin: „In der Tat liegt auch eine Tragik für die Angeklagte vor, aber ihr Opfer wird vielleicht ein Leben lang leiden.“ Bei einem Strafrahmen von zehn Jahren bis zu lebenslänglicher Haft ergingen mit 7:1 der Geschworenenstimmen nicht rechtskräftig 14 Jahre Haft.


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