29. Romy: “Liebe Österreicher, Sie wurden hinters Licht geführt“

Bei der 29. Romy-Verleihung am Samstagabend provozierte Entertainer Jan Böhmermann mit eindeutiger Kritik an der Regierung. Die Schauspielerinnen Nina Proll und Iris Berben kamen hingegen auf die #MeToo-Debatte zu sprechen.

Jan Böhmermann sorgt regelmäßig mit provokanten satirischen Beiträgen für Aufsehen.
© APA/Hans Punz

Wien — Ein Hauch „#MeToo", ein wenig Kritik an der Regierung, ein bisschen Medienpolitik: Bei der Verleihung der „Romy"-TV-Preise am Samstagabend erhielt die Politik zwar keine Trophäe, war aber omnipräsent. Und das nicht nur, weil Entertainer Jan Böhmermann in seiner Dankesrede vom Leder zog.

Was ist die Romy?

Jedes Jahr verleiht die Tageszeitung Kurier den Film- und Fernsehpreis, seit 2010 werden auch Leistungen im Bereich Kino berücksichtigt.

Die mit 24 Karat Gold veredelte Statuette ist nach der Schauspielerin Romy Schneider benannt, die dieses Jahr 80 Jahre alt geworden wäre. Geformt wurde sie nach einer Filmszene aus "Der Swimmingpool" mit Alain Delon, in der sich Schneider den Träger ihres Kleides richtet.

Böhmermann provoziert mit Burka- und Populismus-Sager

Böhmermann empfing die goldene Statue in der Kategorie Show/Unterhaltung. Seine Nominierung hatte er mit einer Social-Media-Kampagne quittiert: Er werde den Preis in einer „glitzernden Burka" entgegennehmen und damit gegen das österreichische Verhüllungsverbot verstoßen, hatte er etwa angekündigt.

Gekleidet war er dann aber einer Gala würdig — und unverhüllt. „Ich habe Sie angelogen", entschuldigte er sich für sein „Internet-Propaganda-Video": „Ich habe Ihnen das erzählt, was Sie hören wollen." Das österreichische Publikum sei von einem Populisten hinters Licht geführt worden, „wahrscheinlich zum ersten Mal in der Geschichte", witzelte Böhmermann und wurde dann deutlich in Richtung ÖVP-FPÖ-Regierung. Im Publikum sitze ja auch Medienminister Gernot Blümel (ÖVP), „er ist 18 Jahre alt", und der werde am heutigen Abend den „Channel Manager des ORF persönlich auswählen": „Das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Österreich ist gerettet."

Böhmermann, nach eigenen Angaben „ein Österreicher gefangen im Körper eines Deutschen", bedankte sich aber „ganz im Ernst" für die Romy. Er freue sich über die Ehrung eines Landes, das „vom Zweiten Weltkrieg und vom Nationalsozialismus so unberührt ist wie Österreich".

TT-ePaper gratis lesen

Die Zeitung ab sofort bis auf Weiteres kostenlos digital abrufen

TT E-PaperTT E-Paper

„Guat is gangen, nix is g'schehn"

Die Macher der Romy — veranstaltet vom Kurier in Kooperation mit dem ORF — hatten eventuell mit Deftigerem gerechnet. „Guat is gangen, nix is g'schehn", entfuhr es der schwangeren Moderatorin Katharina Straßer, die dann nach einigen Scherzen in Sachen Mutterschutz von ihrem Mann Thomas Stipsits kurz vor 22.30 Uhr von der Bühne geholt wurde. Andi Knoll, wie schon in den Vorjahren bewährter Ko-Moderator, übernahm souverän die Einzel-Präsentation.

Romy-Preisträgerin und "Zeit im Bild"-Moderatorin Nadja Bernhard.
© APA/Hans Punz

Böhmermann war bei weitem nicht der einzige Redner mit einer politischen Agenda. Kurier-Herausgeber Helmut Brandstätter persiflierte bekannte Regierungs-Politiker-Phrasen und konstatierte: Vielen wollten beim „ORF mitreden", auch wenn das im ORF-Gesetz gar nicht vorgesehen sei. „Im ORF-Gesetz steht allerdings auch nicht, dass jemand vom ORF bei der Regierung anruft, was er machen soll und wen er wo hinsetzen soll", meinte Brandstätter in Richtung ORF-Führung. „Journalismus lässt sich nicht kontrollieren, das ist unsere Grundlage", erklärte der „Kurier"-Chef und plädierte für einen „anständigen Umgang miteinander, mit Respekt — mein Gott, das wird hoffentlich in diesem Land möglich sein".

Die Romy in der Kategorie Information überreiche Brandstetter an „Zeit im Bild"-Moderatorin Nadja Bernhard. In dieser Kategorie waren heuer insgesamt fünf Frauen nominiert — das fand sie eine „super Botschaft".

Proll und Berben sprechen über #MeToo

Schauspielerin Nina Proll hatte mit ihrer Botschaft in der „#metoo"-Debatte ordentlich angeeckt. Für „Anna Fucking Molnar" erhielt sie die Romy in der Kategorie „Beliebteste Schauspielerin Kino-/TV-Film". An ihrer Stelle nahm ihr Gatte Gregor Bloeb die Statue und verlas ihr Statement. „Ich bin mir bewusst, dass ich im vergangenen Jahr viel Angriffsfläche geboten habe", erklärte sie darin. „Ja, ich habe mir erlaubt, eine eigene Meinung zu haben, auch wenn die in meiner Branche nicht populär war." Es sei ihre „Pflicht als Künstlerin, Themen aufzugreifen", und sie habe ihre Meinung vertreten. Gleichberechtigung bedeute auch „gleiche Verpflichtung", betonte Proll. Sie wünsche sich, dass „wir wieder lernen, unterschiedliche Meinungen zu respektieren".

Iris Berben wurde für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.
© APA/Hans Punz

Auf „#MeToo" bezog sich auch Iris Berben, die mit einer Platin-"Romy" für ihr Lebenswerk gewürdigt und vom Publikum mit Standing Ovations gefeiert wurde. „Wir Künstler haben eine Stimme, und die sollten wir nutzen", rief sie zuerst zum Kampf für Demokratie und gegen politischen Machtmissbrauch auf. Der Beruf des Schauspielers habe zuletzt „Risse bekommen" durch eine „Debatte über einen anderen Machtmissbrauch, den sexualisierten Machtmissbrauch". Sie wolle keinen Strich unter diese Debatte ziehen, mahnte aber dazu, sie „mit Pragmatismus und gesundem Menschenverstand führen": „Ich wehre mich dagegen, eine ganze Branche per se in Misskredit zu bringen." Berben feierte vor 50 Jahren ihr Schauspieldebüt. Sie war seitdem in zahlreichen Kino- und TV-Produktionen ("Sketchup", "Das Erbe der Guldenburgs", "Der Wagner-Clan. Eine Familiengeschichte", "Traumfrauen") zu sehen.

Beliebtester Schauspieler in der Kategorie Kino/TV-Film wurde Elyas M'Barek („Fack ju Göthe 3"), anders als seine Kollegen reagierte er nicht politisch, sondern sehr persönlich: "Mama, der ist für Dich! Bussi, baba", richtete er seiner österreichischen Mutter aus.

Beliebteste Serien-Schauspielerin ist Hilde Dalik („Vorstadtweiber"). Bei den Männern setzten sich die Serien-Helden Helmfried von Lüttichau und Christian Tramitz („Hubert & Staller") durch. „TV-Ereignis des Jahres" wurde die Sky-Serie „Babylon Berlin", für den „TV-Moment des Jahrs" 2017 sorgte die österreichische Frauen-Fußball-Nationalmannschaft. Der Preis der Jury ging an „You Are Wanted" (Matthias Schweighöfer, Amazon). Den Akademie-Preis „Bester TV-Film" erhielt der Dreiteiler „Maximilian" (ORF/ZDF). (APA/dpa/TT.com)


Kommentieren


Schlagworte