20 Jahre Karfreitagsabkommen: Der unvollendete Frieden

Belfast (APA/dpa) - „Vorbereitet für Frieden, bereit für Krieg“ - dieser martialische Spruch ist an einer Wand in einem protestantischen Vie...

Belfast (APA/dpa) - „Vorbereitet für Frieden, bereit für Krieg“ - dieser martialische Spruch ist an einer Wand in einem protestantischen Viertel der nordirischen Hauptstadt Belfast zu lesen. Dazu das Bild zweier maskierter Kämpfer mit Maschinenpistolen - einer richtet seine Waffe drohend auf den Betrachter.

Am 10. April jährt sich der Abschluss des Karfreitagsabkommens zum 20. Mal. Der Friedensschluss beendete offiziell drei Jahrzehnte eines blutigen Konflikts, der teilweise die Züge eines Bürgerkriegs trug. Mehr als 3.600 Menschen kamen ums Leben, 50.000 Menschen erlitten Verletzungen und Hunderttausende wurden traumatisiert.

Doch das Mural, wie die Wandbilder genannt werden, stammt nicht aus den schlimmsten Zeiten des Konflikts zwischen protestantischen Anhängern der Union mit Großbritannien und katholischen Verfechtern eines geeinten Irland. Es wurde 2004 angebracht. Ein Zeichen, dass der Konflikt auch nach dem Friedensschluss weiter schwelte. Die Gefahr, das daraus wieder ein Flächenbrand werden könnte, ist mit dem Entschluss der Briten zum EU-Austritt gestiegen, fürchten viele.

Zu diesen Menschen gehört Michael Doherty. Der Mediator aus der Grenzstadt Londonderry, die von Katholiken schlicht Derry genannt wird, seufzt, als er nach dem Brexit gefragt wird. Der 70-Jährige arbeitet seit 40 Jahren als Schlichter zwischen den beiden Gemeinschaften, oftmals geht es um die Paraden triumphierender Protestanten durch katholische Viertel. „Wir leben in Frieden und existieren nebeneinander her, aber die gegenseitige Bedrohung ist noch immer da“, sagt Doherty.

Wie tief die Spaltung der Gesellschaft auch noch 20 Jahre nach der Unterzeichnung des Karfreitagabkommens reicht, zeigt ein Blick auf das Bildungssystem: Nur sieben Prozent der nordirischen Schüler gehen auf gemischt-konfessionelle Kindergärten und Schulen. Viele Wohnviertel sind entweder katholisch oder protestantisch, oft getrennt durch meterhohe Mauern oder Zäune. Eine Entwicklung, die durch das Friedensabkommen institutionalisiert wurde, glauben manche.

Und noch immer treten paramilitärische Gruppen in Nordirland wie ein Staat im Staat auf. Um geschwundene Spendeneinnahmen zu kompensieren, kontrollieren sie inzwischen den Drogenhandel. Wer ihnen in die Quere kommt, riskiert so genannte „Punishment Beatings“ - wer Glück hat, kommt mit einem Schuss in die Kniekehle davon und ist lebenslang behindert - oder kann mithilfe von Schlichtern wie Michael Doherty ein neues Leben ein einer anderen Stadt beginnen. Wer Pech hat, verliert sein Leben.

Die Paramilitärs gehören zu Bewegungen auf beiden Seiten, die das Karfreitagsabkommen ablehnen - und scheitern sehen wollen. Sollte es mit dem Brexit zu Grenzkontrollen kommen, wären die Zollbeamten und Einrichtungen ein perfektes Anschlagsziel für die katholisch-republikanischen Gruppen.

Selbst eine weitgehend unsichtbare Grenze, kontrolliert nur durch Kameras, wie sie der britische Außenminister Boris Johnson vorgeschlagen hat, wäre ein Problem. Wer die Geräte installiert oder repariert, könnte angegriffen werden. Die Arbeiten wären nur mit Polizeischutz möglich. Doch bewaffnete Polizisten an der Grenze wären ein noch viel lohnenderes Ziel für die IRA-Dissidenten.

Die Vergeltung der protestantischen Militanten, die sich als verlängerter Arm der Staatsgewalt sehen, und früher angeblich teilweise im Auftrag des Staats mordeten, würden folgen - der Kreislauf der Gewalt würde wieder beginnen. Auch wenn kaum jemand damit rechnet, dass es so schlimm wird wie in den Jahren der Unruhen, ist das für viele ein beängstigendes und realistisches Szenario.

Auch Mairead Maguire sorgt sich um den Frieden. Die Friedensnobelpreisträgerin setzt sich mit dem Verein Peace People seit rund 40 Jahren für ein Ende von Hass und Gewalt ein. Sie musste selbst darunter leiden. Ihre Schwester wurde 1976 mit ihren vier Kindern von einem führerlosen Auto erfasst. Der Fahrer, ein IRA-Kämpfer, war von der Polizei während einer Verfolgungsjagd mit einem Kopfschuss getötet worden. Drei Kinder starben, Maguires Schwester nahm sich wenige Jahre später das Leben. „Es gibt einen Mangel an gutem Willen - jeder schaut nur auf seine eigenen Interessen“, sagt die 74-Jährige.

Auch ohne die Auswirkungen des Brexits liegt ein Schatten über dem Karfreitagsabkommen. Das im Friedensschluss vorgesehene Regionalparlament kann nicht zusammentreten, weil sich die beiden stärksten Parteien aus den konfessionellen Lagern nicht auf eine gemeinsame Regierung einigen können. Die Koalition zwischen der katholischen Sinn Fein und der protestantischen DUP (Democratic Unionist Party) zerbrach Anfang 2017 im Streit um ein aus dem Ruder gelaufenes Förderprogramm für erneuerbare Energien.

Die beiden inzwischen stärksten Parteien stehen für extreme Positionen - ein Zeichen, dass auch die Gesellschaft polarisiert ist. Sinn Fein ist aus der Untergrundorganisation IRA entstanden. Die von dem evangelikalen Pastor Ian Paisley gegründete DUP ist die einzige größere Partei in Nordirland, die das Karfreitagsabkommen 1998 abgelehnt hat. Sie stützt inzwischen die konservative britische Minderheitsregierung von Premierministerin Theresa May im Londoner Parlament und ist dort zum Zünglein an der Waage geworden.

Viele vermuten, dass beide Seiten im Poker um die nordirische Regierung auf ein Scheitern des Karfreitagsabkommens spekulieren, um ihre Ziele zu erreichen: Für die Katholiken wäre das ein Referendum über die Vereinigung mit der Republik Irland, für die Protestanten wäre es die Abkehr von der regionalen Selbstverwaltung und eine dauerhafte Rückkehr zur direkten Regierung aus London.


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