„Midsummer Night‘s Dream“ in Wien: Schultheater auf Profiniveau
Wien (APA) - Wenn man Damiano Michieletto engagiert, weiß man, dass auf der Bühne nicht die originalen Regieanweisungen wortgleich abgespult...
Wien (APA) - Wenn man Damiano Michieletto engagiert, weiß man, dass auf der Bühne nicht die originalen Regieanweisungen wortgleich abgespult werden. Und so wuselte es am Sonntag bei Benjamin Brittens „Midsummer Night‘s Dream“ im Theater an der Wien (TaW) nicht im Zauberwald, sondern an einer Schule. Um es vorwegzunehmen: Diese Übertragung geht wunderbar auf und entwickelt eine eigene Sinnhaftigkeit.
So gelingt die Transponierung der symbolischen Initiationsrituale des Sommernachtstraums in die Schule überraschend friktionsfrei. Die beiden Liebespaare Hermia/Lysander und Helena/Demetrius sind aufgekratzte Teenager, die auf ihren ersten Sex zusteuern, während die Elfenschar eine Schulklasse und die Handwerker eine Theater-AG darstellen.
Im Kern erwächst das Geschehen jedoch aus den Traumata des kleinen Puck, zu dem das Elfenpaar Oberon und Titania von Beginn an in einem elterlichen Verhältnis steht. Nach deren Unfalltod imaginiert sich das in der Schule gemobbte Waisenkind eine magische Welt, in das es sich flüchten kann, was Michieletto durch kurze Einspieler über den Lauf des Abends hinweg sukzessive enthüllt.
Hier mutiert die „Midsummer“-Komödie, die im Oeuvre des Komponisten eher eine Ausnahme darstellt, zur klassischen Britten-Geschichte, in der ein Außenseiter, ein Verlorener der Gesellschaft, im Mittelpunkt steht. Der 43-jährige Michieletto schält die existenziellen Fragen aus der oftmals verkitschten Zaubergeschichte, liefert keine harmlosen nächtlichen Liebesspiele, sondern betont das Mitleidslose im Spiel der Feen, im Streit.
Dass diese Konzeption aufgeht und mitsamt ihrer fluoreszierenden Farben und verfremdenden Masken niemals in Richtung jenes Fremdschämens abdriftet, das sich oftmals einstellt, wenn Erwachsene Kinder und Jugendliche darstellen, das ist allerdings nicht zuletzt den Darstellern zu verdanken. Maresi Riegner ist in der Sprechrolle des Puck weder geschlechtlich noch altersmäßig zu verorten und damit eine Idealbesetzung, der sich zahlreiche einstige Mitglieder des Jungen Ensembles des Hauses beigesellen. Tobias Greenhalgh, Natalia Kawalek oder Andrew Owens haben sich die jugendliche Spielfreude ihrer Frühzeit behalten, kombinieren diese aber mit mittlerweile gereifteren Stimmen.
Tareq Nazmi, kuwaitisch-deutscher Bass, kann als Nick Bottom/Zettel sein ganzes komödiantisches Talent inklusive gigantischem Eselskostüm ausleben, obgleich er stimmlich nicht das Geringste überspielen müsste - im Gegenteil. Und TaW-Stammgast Bejun Mehta gibt mit Hausdebütantin Daniela Fally das streitende Elfenpaar nicht als keifende Komödienfiguren, sondern als gebrochene Eltern.
Und auch im Graben hat Michieletto mit Antonello Manacorda einen altbekannten Sparringpartner, mit dem er schon beim Rossini-“Otello“ im TaW zusammenarbeitete. Der Italiener entlockt den Wiener Symphonikern nun jenes breite Kompendium an Tonalitäten, das Britten für seine nächtliches Geschehen verlangt. Eigentlich besitzt der „Midsummer Night‘s Dream“ ja kein großes Orchester, aber eines, das in seiner ungewohnten Besetzung sehr viele Farben hervorzaubern kann. Manacorda gelingt die Etablierung der diversen Klangwelten der Handwerker, der Liebespaare, der Elfen und zugleich, daraus ein Amalgam zu schmieden.
Ungeachtet des einen oder anderen Buhs im Schlussapplaus stellt der „Midsummer Night‘s Dream“ somit eine würdige 100. Produktion am Haus seit der Wiedereröffnung 2006 dar, die Intendant Roland Geyer stolz zu Beginn ankündigte. Und was wäre für dieses Jubiläum passender als ein Britten? Schließlich stellt das Werk des Engländers doch eine der Kernkompetenzen des TaW dar, das mit einigen exemplarischen Inszenierungen wie etwa der „Rape of Lucretia“ den Weg des neuen Opernhauses mitdefinierte: Musiktheater im besten Sinne.
(S E R V I C E - „A Midsummer Night‘s Dream“ von Benjamin Britten nach William Shakespeare im Theater an der Wien. Musikalische Leitung der Wiener Symphoniker und der St. Florianer Sängerknaben: Antonello Manacorda. Regie: Damiano Michieletto, Bühne: Paolo Fantin, Kostüme: Klaus Bruns, Licht: Alessandro Carletti. Mit Bejun Mehta - Oberon, Daniela Fally - Tytania, Maresi Riegner - Puck, Günes Gürle - Theseus, Ann-Beth Solvang - Hippolyta, Rupert Charlesworth - Lysander, Tobias Greenhalgh - Demetrius, Natalia Kawalek - Hermia, Mirella Hagen - Helena, Tareq Nazmi - Nick Bottom, Lukas Jakobski - Peter Qunice, Michael Laurenz - Francis Flute, Dumitru Madarasan - Snug, Andrew Owens - Tom Snout, Kristjan Johannesson - Robin Starveling. Weitere Aufführungen am 17., 19., 21., 23. und 25. April. www.theater-wien.at)
Kommentare