Verfolgt von der Doppelmetapher: Band 2 von Murakami-Roman enttäuscht
Wien (APA) - Der Verzauberung folgt die Ernüchterung: Hatte Band 1 von Haruki Murakamis Mammutroman „Die Ermordung des Commendatore“ Anfang ...
Wien (APA) - Der Verzauberung folgt die Ernüchterung: Hatte Band 1 von Haruki Murakamis Mammutroman „Die Ermordung des Commendatore“ Anfang des Jahres in eine rätselhafte Welt eingeführt, in der sich Ideen materialisieren und Gemälde Eigenleben entwickeln, so entzaubert sich die Geschichte eines von seiner Frau verlassenen Malers in der heute erschienenen deutschen Übersetzung des zweiten Bandes gründlich.
Nach „Eine Idee erscheint“ nun also: „Eine Metapher wandelt sich“. Auch dieser Untertitel des erneut fast 500-seitigen Buches ist wörtlich zu nehmen. Was aber in Band 1 interessant, faszinierend, geheimnisvoll und vielversprechend schien, erweist sich bei der Fortsetzung als schal, geschwätzig, vordergründig und geheimnislos. Als Leser steht man mit Verblüffung vor dem Phänomen, dass sich nun alle Argumente, die einen für das Buch einnahmen, gegen es kehren. Da muss wohl jene unheimliche Macht im Spiel sein, mit der der malende Protagonist im Haus eines dementen, im Pflegeheim vor sich hindämmernden, einst berühmten Malers konfrontiert wird.
Es sind mehrere Bilder, die verschiedene Handlungsstränge zusammenhalten. Im Zentrum steht natürlich die titelgebende „Ermordung des Commendatore“, das am Dachboden gefundene meisterhafte und vieldeutige Bild des alten Malers, auf dem nicht nur eine Szene aus Mozarts „Don Giovanni“ abgebildet ist, sondern auch eine wichtige Episode aus dem Leben des Malers verschlüsselt festgehalten sein dürfte. Dass man über dessen Zeit im Wien der 1930er-Jahre, als der japanische Student nach dem „Anschluss“ mit seiner Freundin als Mitglied einer Widerstandsgruppe und Mitorganisator eines Attentats auf einen hohen Nazifunktionär verhaftet und gefoltert wurde, letztlich kaum etwas erfährt, zählt zu den Enttäuschungen des Buches, das in Japan vom Fleck weg ein Bestseller wurde.
Am „Porträt von Marie Akikawa“, einem verdeckten Auftrag seines reichen Nachbars Menshiki, der in der 13-Jährigen seine eigene Tochter vermutet, arbeitet der junge Maler in vielen Sitzungen, bei denen das verschlossene Mädchen Zutrauen zu ihm fasst. Doch das Bild wird sich förmlich dagegen wehren, fertiggestellt zu werden, so wie das Porträt von einem ihm unbekannten, mysteriösen „Mann im weißen Subaru Forester“, den er nach einer kurzen, zufälligen Begegnung nicht mehr aus dem Kopf bekommt.
Das Bild jener runden, ausgemauerten, brunnenähnlichen Grube im Wäldchen hinter dem Haus, gerät dagegen fotorealistisch. Auch ihr Geheimnis wird nie gelöst werden, doch sie rückt ins Zentrum, als gegen Ende die lange vor sich hindümpelnde Geschichte doch Fahrt aufnimmt: Marie wird vermisst, und der Maler erhält den entscheidenden Hinweis, wie er ihr auf die Spur kommen könnte, ausgerechnet von jener kleinwüchsigen Idee, welche die Gestalt des auf dem Gemälde abgebildeten Commendatore angenommen hat.
Verärgert zunächst Murakamis Manie der Auswalzung und Wiederholung noch der kleinsten, alltäglichen Banalität, verlangt der Autor danach die Bereitschaft, sich einzulassen auf eine Fantasiewelt, in der enge, finstere Gänge das Dies- und das Jenseits verbinden, einfältige Metaphern die Gestalt von menschlichen Auberginen annehmen, raffinierte Doppelmetaphern darauf warten, einem den Garaus zu machen, gesichtslose Fährmänner für ihre Fahrt über den Totenfluss mit kleinen Plastikpinguinen bezahlt werden, und Kinder im Traum durch Fernzeugung entstehen können.
Doch der Zauber wirkt nicht mehr. Was zuvor noch magisch wirkte, kommt einem schließlich nur noch läppisch vor. Und man nimmt Murakami übel, dass er keines seiner Mysterien, mit denen er uns zwei Bände lang in Spannung hielt, schlüssig auflöst. Am Ende ist ein neues Rätsel hinzugekommen: Wie, um alles in der Welt, konnte man von Band 1 nur so begeistert sein? Die Welt der Literatur ist tatsächlich voller Geheimnisse. In jeder Hinsicht.
(S E R V I C E - Haruki Murakami: „Die Ermordung des Commendatore II - Eine Metapher wandelt sich“, Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe, DuMont Verlag, 492 S., 26,80 Euro)
(A V I S O - Die APA hat am 19. Jänner unter APA219 „Murakamis neuer Roman: Oper und Malerei, Wien 1938 und Japan heute“ die Kritik zu Band 1 versendet.)
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