Wohnen wird in Tirol zum Luxus: Fünf Millionen für 1000 m²
In der Landeshauptstadt Innsbruck wird die gesamte Misere vom leistbaren Wohnen in Tirol sichtbar. Preise für Grundstücke explodieren, die Gemeinnützigen können kaum noch mithalten.
Von Peter Nindler und Marco Witting
Bereits im Landtagswahlkampf war leistbares Wohnen in Tirol ein zentrales Thema, die schwarz-grüne Landesregierung will bis Mai erste Maßnahmen präsentieren. Hotspots sind die Landeshauptstadt und die Bezirksstädte. Und in Innsbruck spitzt sich die Situation zusehends zu. Der soziale Wohnbau gerät unter Druck, die gemeinnützigen Bauvereinigungen können vor allem bei den Grundpreisen nicht mehr mithalten. Grundstücksreserven sind kaum noch vorhanden.
Zuletzt wurde ein 1000 Quadratmeter großes Grundstück in Innsbruck um fünf Millionen Euro verkauft. Quadratmeterpreis: 5000 Euro. Der Geschäftsführer der gemeinnützigen Neuen Heimat, Markus Pollo, geht ohnehin davon aus, „dass die angemessenen Grundkosten für die Wohnbauförderung von derzeit 416 Euro/m² in Innsbruck angehoben werden müssen". Damit überhaupt noch gebaut werden könne. Aufgrund der guten Konjunktur wird es bei den Baukosten ebenfalls eng. Die Preise schnellen in die Höhe, Bauvorhaben werden sogar rückgestellt und mehrmals ausgeschrieben, um den Kostenrahmen einzuhalten. Dieser beträgt zwischen 1655 und 1920 Euro pro Quadratmeter.
Neue Heimat-Mieten kosten in Innsbruck im Durchschnitt 9,8 Euro. Tirolweit wendet die Stadt und Land gehörende Bauvereinigung sechs Mio. Euro jährlich auf, um die Mieten zu stützen. Der freie Markt in der Landeshauptstadt überhitzt zudem immer mehr: 5800 Euro/m² werden für Wohnungen verlangt, für die Mieten bis zu 17,7 Euro/m².
Fünf Millionen für 1000 Quadratmeter
Es kracht hinten und vorne: Während 2000 bis 2500 Wohnungen in der Landeshauptstadt leer stehen, benötigt man in den nächsten zehn Jahren 8000 neue geförderte. Aktuell warten rund 1900 Innsbrucker auf eine geförderte Wohnung. 17.000 von 75.000 Immobilien sind gemeinnützig, sprich sie wurden mit Unterstützung der Wohnbauförderung des Landes gebaut. Mit jährlich 300 Millionen Euro fördert das Land leistbares Wohnen in Tirol. Das Geld ist im Gegensatz zu anderen Bundesländern vorhanden, vielmehr scheitert es an den Rahmenbedingungen.
Bei lediglich zwölf Prozent siedelbarer Fläche fallen vor allem die Grundkosten ins Gewicht. Und diese explodieren in den Ballungsräumen und Gunstlagen nahezu. Einerseits wird mit Grund und Boden spekuliert, zum anderen mit den fertig gestellten Wohnungen. 1300 Immobilien in Tirol wurden 2016 von Bürgern aus anderen EU-Staaten erworben, die meisten in Innsbruck, Innsbruck-Land und im Bezirk Kitzbühel. Sie werden wie in Innsbruck vielfach als Kapitalanlage verwendet, in den Tourismusregionen häufig als (illegale) Freizeitwohnsitze.
Dagegen sind die 13 Tiroler gemeinnützigen Wohnbaugesellschaften an Höchstgrenzen bei Bau- und Grundkosten gebunden, wenn sie geförderte Wohnungen errichten. Am Grundstücksmarkt haben sie deshalb kaum noch Chancen und werden von privaten Bauträgern verdrängt. Zuletzt wurde in Innsbruck ein 1000 Quadratmeter großes Grundstück um fünf Millionen Euro erworben. Die Grundkosten betragen 5000 Euro/m², bei diesem Preis können die Gemeinnützigen nicht mehr mithalten. In der Landeshauptstadt akzeptiert die Wohnbauförderung nämlich maximal 416 Euro/m² als angemessene Grundkosten. Über Grundstücksreserven verfügen die Gemeinnützigen ebenfalls kaum noch.
Der Geschäftsführer der im Besitz von Land Tirol und Stadt Innsbruck stehenden Neuen Heimat, Markus Pollo, spricht davon, „dass wir vorhandene Grundstückspotenziale wie bei den Südtiroler Siedlungen in Innsbruck optimal nützen müssen". Dazu würden noch Wohnbauten im Baurecht kommen. Doch nicht nur die Grundstückspreise bereiten den Gemeinnützigen Kopfzerbrechen. Die gute Konjunktur befeuert auch die Baukosten. Die Bauwirtschaft boomt, die Preise steigen und der Kostenrahmen von 1655 bis 1920 Euro pro Quadratmeter wird zur Herausforderung. Um Kostensteigerungen zu vermeiden müssen laut Pollo Bauvorhaben mehrmals ausgeschrieben werden. Grund- und Baukosten nehmen somit den geförderten Wohnbau in die Zange.
Die schwarz-grüne Landesregierung wird deshalb vor allem einen Schwerpunkt auf Innsbruck legen. Dass Mietkaufwohnungen jetzt um 9000 Euro oder mehr teurer werden, sei deshalb nicht besonders hilfreich, kritisierte gestern der grüne Klubchef im Landtag, Gebi Mair. Andererseits müsse in Innsbruck nicht nur bei Widmungen 50 Prozent für den sozialen Wohnbau reserviert werden, sondern „auch bei jedem Neubauprojekt". Angesichts aktueller Bauprojekte, die mit 6900 Euro/m² wie bei Pema 2 inseriert werden, sei das ein Gebot der Stunde. „Das Land stellt die Millionen aus der Wohnbauförderung sofort zur Verfügung, wenn 50 Prozent eines jeden Neubauprojektes als geförderter Wohnbau errichtet werden."
Auch gegen die Spekulation mit geförderten Eigentumswohnungen werde die Landesregierung vorgehen, kündigt Mair an. Hier schlägt Neue-Heimat-Geschäftsführer Markus Pollo eine 25-Jahres-Frist vor. „Davor müsste es eine klar geregelte Indexierung mit Grundbuchsanmerkung geben, damit nicht geförderte teuer verkauft werden."
Wohnbau-Landesrätin Beate Palfrader (VP) kündigt bis zur Regierungsklausur ein erstes Maßnahmenbündel an. Gedacht ist auch an eine Leerstanderhebung und ein Mobilisierungskonzept für ungenutzten Wohnraum in Innsbruck.
Zuschlag empört die Politik
Harsche Kritik übt SP-Chefin Elisabeth Blanik am Prüfverband der Gemeinnützigen wegen der geforderten Zuschläge von 9000 Euro auf Mietkaufwohnungen. „Jeder Euro mehr beim Wohnen wird von der neuen SPÖ nicht mehr akzeptiert." Blanik spricht von einem „weiteren Kniefall" des Landes. „Wenn wir es nicht schaffen, hier eine Phalanx gegenüber den Gemeinnützigen zu bilden, dann ist die Wohnbauoffensive jetzt schon zum Scheitern verurteilt", warnt Blanik die neue VP-Wohnbaulandesrätin Beate Palfrader. Empört ist auch die Liste Fritz. „Wer immer in Wien was auch immer gerechnet hat, für die meisten Tiroler geht sich das alles nicht mehr aus. Wenn derzeit schon 40 Prozent des Haushaltseinkommens fürs Wohnen draufgehen, ist Feuer am Dach. Da braucht es Vergünstigungen, keine Verteuerungen", betonen Klubchefin Andrea Haselwanter-Schneider und LA Markus Sint. Außerdem würden die gemeinnützigen Bauträger über Millionen an Rücklagen verfügen. (pn)
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