„Die Unversehrten“: Der Gipfel der Grausamkeiten

Mit ihrem Debütroman „Die Unversehrten“ ist Tanja Paar besonders fiese Spannungsliteratur gelungen. Am Freitag präsentiert sie ihn in Innsbruck.

Tanja Paar war 2011 „Journalistin des Jahres“. Am 10. Mai wird sie mit dem Achensee-Literatourstipendium ausgezeichnet.
© Rußmann

Von Joachim Leitner

Innsbruck –In der Welt des Theaters gibt es die so genannten „well-made plays“, die gut gemachten Stücke also. Diesen gelingt es mittels effektbewusst entwickelter dramatischer Bögen, auch das Unwahrscheinlichste in einen glaubwürdigen Rahmen zu fassen. Auch im literarischen Feld ist dieser Tage gerne von „well-made novels“ die Rede. Gemeint sind damit präzise getaktete Erzählmaschinen, denen man ihre Geburt am Reißbrett nicht anmerkt, weil sie sich auf das verstehen, was der Literaturwissenschafter Roland Barthes einst den „Realitätseffekt“ nannte: Durch klug gesetzte Anklänge ans Alltägliche – vom Straßen- oder Markennamen bis zum betont beiläufigen Allerweltsdialog – wirkt auch das absichtsvoll Konstruierte glaubwürdig.

Mit „Die Unversehrten“ hat Tanja Paar nun eine solche „well-made novel“ vorgelegt. Paar, geboren 1970 in Graz, zählt seit Jahren zu Österreichs bekanntesten Journalistinnen. Sie schrieb und schreibt unter anderem für den Standard, das Profil und den Falter. Für das Blog „Im Nacktscanner“ wurde sie 2011 als „Journalistin des Jahres“ ausgezeichnet, „Die Unversehrten“ ist ihr Romandebüt. Bei der Achensee-Literatour (10. bis 13. Mai) wird sie dafür das von der Tyrolia gestiftete Achensee-Stipendium in Höhe von 1500 Euro erhalten. Bereits davor, an diesem Freitag, präsentiert Paar „Die Unversehrten“ beim Innsbrucker Prosa-Festival in der Buchhandlung Wagner’sche.

Dass Paar mit allen narrativen Wassern gewaschen ist, zeigt sich schon nach wenigen Zeilen. Da wird quasi nebenbei und in knappstem Parlando angekündigt, dass sich die Geschichte, die gerade beginnt, zum Lebensbedrohlichen auswachsen, dass es Tote geben wird. Mehr noch: Man erfährt, dass ein Kind zu Tode kommen wird. Auf diesen Gipfel aller Grausamkeiten also steuert der Roman zu. So erzeugt man Spannung.

Nun ist „Die Unversehrten“ zwar kein Krimi, aber der Text folgt den Funktionsweisen des Genres. Selbst wenn die Szenerie vor Behaglichkeit strotzt, weiß man, da kommt noch was. Und behaglich beginnt der in knappen Kapiteln aus wechselnden Perspektiven erzählte Roman denn auch: Violenta und Martin führen eine Fernbeziehung mit gewissen Freiheiten. Alle Gedanken an ein gemeinsames Leben verschieben sie auf später. Doch in diesem Fall ist später zu spät. Martin lernt Klara kennen – und Klara wird schwanger. Martin will Verantwortung übernehmen – und verlässt Violenta. Zehn Jahre später plätschert seine Beziehung mit Klara so dahin, da taucht Violenta wieder auf. Sie ist darauf aus, sich Martin zurückzuholen – und zu fast allem bereit. So weit, so seifenoperartig. Und etwas seifenoperartig ist das Setting tatsächlich, aus dem Paar eine Tragödie antiken Ausmaßes entwickelt. „Die Unversehrten“ ist ein fieser Roman über Rücksichtslosigkeit und Hass, der sich zum Undenkbaren hochschaukelt. Der Roman packt zu – und bleibt packend bis zur letzten Zeile: Unversehrt übersteht das Drama niemand.

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Manche Volten freilich würden einer nachträglichen Überprüfung aus erzähllogischer geschweige denn psychologischer Perspektive kaum genügen, aber darum geht es gut gemachter Spannungsliteratur ja nicht. Und genau das ist Tanja Paar mit ihrem Debüt gelungen.

Roman Tanja Paar: Die Unversehrten. Haymon, 180 Seiten, 19.90 Euro.


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