Bühne

Wiederentdeckung eines Dickhäuters

Wolfgang Bauers Stück „Der Rüssel“ wurde erst 2015 wiederentdeckt – am Freitag hat es nach einer Voraufführung gestern Abend Premiere.
© Werner

Was kann Wolfgang Bauers verschollen geglaubtes frühes Stück „Der Rüssel“? Eine Recherche vor der Uraufführung im Akademietheater.

Von Bernadette Lietzow

Wien – Mit „Magic Afternoon“, seinen „Mikrodramen“ oder „Change“, Stücken, die die behäbige Nachkriegs-Theaterlandschaft in Österreich mit einigem Getöse wachgerüttelt haben, hat sich der 2005 verstorbene Wolfgang Bauer bleibend, inzwischen jedoch sträflich auf deutschsprachigen Bühnen vernachlässigt, verewigt.

Seine am Volksstück orientierten, mit heftigem Beat die Gegenwart reflektierenden Dramen ebneten den Weg für jüngere Kollegen von Werner Schwab bis zu Ferdinand Schmalz oder Gerhild Steinbuch. Zu Recht großes Aufsehen erregte der Zufallsfund des als verloren geltenden, wahrscheinlich im Sommer 1962 entstandenen Bühnenwerkes „Der Rüssel“, dessen Uraufführung der bayrische Regisseur Christian Stückl am kommenden Freitag im Wiener Akademietheater aus der Taufe hebt.

Zehn Jahre nach dem Tod des Dichters im Nachlass des steirischen Komponisten Franz Koringer entdeckt, gilt diese „Tragödie in elf Bildern“ Wegbegleitern wie Experten als früher Markstein im Schaffen Bauers. Der Grazer Publizist Hermann Götz nannte es ein „rares Dokument absurden Theaters in deutscher Sprache“ und Alfred Kolleritsch, Autor und Herausgeber der Literaturzeitschrift manuskripte, schrieb dazu: „Vielleicht ist ,Der Rüssel‘ geeignet, Bauer für die Bühne wiederzuentdecken.“

Im Tarnkleid eines „Heimatstückes“ entwirft „der wichtigste zeitgenössische österreichische Dichter“, so die Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, eine in vertrauter Bergwelt angesiedelte Klimawandel-Dystopie: Sintflut und Hitze bringen allerlei Getier, Palmen und den vom Afrika-besessenen Bauernsohn Florian wie eine Gottheit erwarteten Elefanten ins beschauliche Bergdorf.

Schnell üben sich die Notabeln in ökonomischer Ausbeutung des neuen Dschungel-Zustandes, setzt der Kolonialwarenhändler auf Tropenhelme und Leopardenfallen, und sucht der Bürgermeister, den Boden für Bananen-Plantagen an Investoren zu verhökern. Florian landet kurz am Galgen, bevor er, wieder lebendig, im Lendenschurz seine Anna heiratet und sich als diktatorischer Stammesfürst vom Volk feiern lässt. Er wird verjagt und der Elefant getötet, während sich die Natur wieder in ihre alpine Ordnung fügt.

Surreal und komisch, dramaturgisch famos gebaut und von hinterlistigem Sprachwitz erweist sich dieses Werk, auf dessen Bühnenauftritt man gespannt sein darf.