Prävenire - Gesundheitsforum: Relativ gute Situation für MS-Patienten

Seitenstetten (APA) - In Österreich leiden rund 12.000 Menschen an Multipler Sklerose (MS). Moderne Therapien können den Krankheitsverlauf o...

Seitenstetten (APA) - In Österreich leiden rund 12.000 Menschen an Multipler Sklerose (MS). Moderne Therapien können den Krankheitsverlauf oft sehr günstig beeinflussen. In Österreich funktioniert die Versorgung gut über ein System von fast 130 Zentren, hieß es am Mittwoch beim Gesundheitsforum Prävenire in Seitenstetten in Niederösterreich.

„Ausgangspunkt war Ende der 1980er-Jahre, als es bis dahin für die Behandlung der MS kaum etwas zur Verfügung gestanden ist - außer die Behandlung akuter Schübe mit Cortison. Heute haben wir immer mehr Wirksubstanzen zur Verfügung. Für 80 bis 85 Prozent der Patienten ist jetzt tatsächlich eine wirksame Behandlung möglich, welche Krankheitsschübe verringert oder sogar verhindern kann“, sagte Eduard Auff, Obmann der Fachgruppe Neurologie der Wiener Ärztekammer, ehemals Chef der neurologischen Universitätsklinik in Wien (MedUni/AKH).

Arzneimittel wie Beta-Interferon, Glatirameracetat, der monoklonale Antikörper Natalizumab, das zunächst als Transplantationsmedikament entwickelte Fingolimod oder das immunsuppressive Zytostatikum Cladribine erzielen zum Teil sehr gute Behandlungserfolge. Seit kurzem zugelassen oder in Entwicklung sind auch Arzneimittel, mit denen bei sich von Beginn an ständig verschlechternder Multipler Sklerose (primär progredient) ein Effekt zu erzielen ist. „Früher sind die Patienten innerhalb von wenigen Jahren im Rollstuhl gesessen. Das sehen wir heute selten“, sagte Auff.

Am Beginn dieser Entwicklung standen aber auch Befürchtungen, wonach die Kosten für die Arzneimittel alle Grenzen sprengen würden. Deshalb wurde ein Netzwerk von in Österreich fast 130 Behandlungszentren - etwa die Hälfte spezialisierte Spitalsambulanzen, zur Hälfte niedergelassene Spezialisten - geschaffen, wo die Diagnose, die Ersteinstellung auf die Therapie und die Betreuung bei Problemen erfolgt. Bei möglicher Therapie außerhalb dieser Einrichtungen erstatten die Krankenkassen dann die Kosten.

„Die Zentrumsbildung bringt für die Patienten Vorteile“, sagte Barbara Bajer-Kornek von der Universitätsklinik für Neurologie in Wien. Freilich, in den meisten Bundesländern sind dann die Spitalserhalter zur Bezahlung der Kosten angehalten. In der Steiermark gibt es allerdings ein System, bei dem besonders kostenintensive Therapien (Medikamente), welche prinzipiell auch außerhalb von Krankenhäusern verabreicht werden könnten, den Spitälern von den Krankenkassen refundiert werden. „Das macht pro Jahr für uns 29 Millionen Euro (für alle medizinischen Bereiche, nicht nur für MS; Anm.) aus“, sagte Edgar Starz, Leiter des Einkaufs der steirischen Krankenanstaltengesellschaft (KAGES). Die MS-Therapien würden derzeit nicht zu den größten Kosten führen. Bestimmte Therapien für Stoffwechselerkrankungen könnten hingegen Jahreskosten von rund 700.000 Euro bedeuten.

Im Durchschnitt berechnet der Hauptverband der Sozialversicherungsträger die Kosten für einen MS-Patienten pro Jahr für die Krankenkassen mit rund 15.700 Euro. Nimmt man die indirekten Kosten hinzu dürften die Aufwendungen bei geringgradiger Behinderung pro Jahr bei um die 25.000 Euro liegen, bei moderater aufgetretener Behinderung bereits 44.000 und bei fortgeschrittener MS mit deutlicher Invalidität 70.000 Euro betragen.

Gerade deshalb dürfte es laut Bajer-Kornek volkswirtschaftlich richtig sein, Patienten möglichst früh im Verlauf einer MS und dann möglichst wirksam zu behandeln: „Je höher der Behinderungsgrad, desto weniger Anteil machen die Medikamentenkosten aus. Da explodieren die indirekten Kosten (z.B. durch Invaliditätspension und hohen Pflegeaufwand; Anm.). (...) Wenn wir früh und teuer investieren, haben wir langfristig einen Benefit.“

Freilich, Sparbemühungen im österreichischen Gesundheitswesen könnten sehr bald die für MS-Patienten erzielten Erfolge gefährden. Auff nannte dazu ein Beispiel des Wiener AKH mit den Universitätskliniken: „Da sperren woanders Spezialambulanzen zu - und die Patienten bekommen einen Zettel mit dem Hinweis ‚Gehen Sie ins AKH‘.“ Bund, Bundesland und MedUni Wien hätten aber in ihrem Kooperationsvertrag beschlossen, dass das AKH nicht mehr als 28 Prozent der Ambulanzfrequenzen in Wien abdecken sollte. „Wir haben aber 35 Prozent“, sagte Auff. Die Patienten würden jedenfalls nicht einfach verschwinden.