„Der Rüssel“: Späte Bauer-Uraufführung im Akademietheater

Wien (APA) - Eine Uraufführung von Wolfgang Bauer. Das hat es schon lange nicht gegeben. Schließlich ist der in Graz geborene Dichter, der m...

Wien (APA) - Eine Uraufführung von Wolfgang Bauer. Das hat es schon lange nicht gegeben. Schließlich ist der in Graz geborene Dichter, der mit Stücken wie „Magic Afternoon“ und „Change“ bekannt wurde, 2005 im Alter von 64 Jahren gestorben. Fast 14 Jahre nach der Uraufführung von „Foyer“ beim steirischen herbst wird nun wieder ein Bauer-Stück uraufgeführt. „Der Rüssel“ hat morgen am Akademietheater Premiere.

Die Umstände dieser späten Uraufführung sind ebenso ungewöhnlich wie der Text. Bauer schrieb sein erstes abendfüllendes Stück als 21-Jähriger im Sommer 1962 offenbar stark unter dem Eindruck des absurden Theaters. Dann gab er sein Manuskript aus der Hand. Offenbar schenkte er es einem Dichter-Freund, der es an einen Komponisten weitergab, um eine mögliche Vertonung prüfen zu lassen. Dieser vergaß es bald. Nicht so der Autor: „Der Wolfi hat es sein Leben lang gesucht“, wird Bauers Witwe Heidi im aktuellen „News“ zitiert. Wiedergefunden wurde das verschollene Werk, von dem ein Auszug unter noch ungeklärten Umständen 1970 in der Literaturzeitschrift „Ver Sacrum“ abgedruckt worden war, 2015 im Stadtmuseum Leibnitz in einer Dokumentenmappe des steirischen Komponisten Franz Koringer (1921-2000).

Thomas Antonic, der am 15. Mai im Vestibül des Burgtheaters sein Buch „Wolfgang Bauer, Werk - Leben - Nachlass - Wirkung“ präsentiert, gab „Der Rüssel“ daraufhin mit anderen szenischen Texten aus dem Nachlass Bauers im Ritter Verlag als Buch heraus, das Burgtheater nahm das Stück zur Uraufführung an.

Die „Tragödie in elf Bildern“ erinnert stilistisch an Bauers „Mikrodramen“, in denen er mit anarchischer Freude alle Rücksichten auf den Theaterbetrieb über Bord warf. Wie Regisseur Christian Stückl und Ausstatter Stefan Hageneier das Alpendorf auf die Bühne bringen, in dem sich plötzlich tropische Hitze ausbreitet, auf den Gipfeln Palmen wachsen, Riesenschnecken über die Almen kriechen und dem Wildbach am „Tag Afrika“ ein riesiger Elefant entsteigt, der seinen Rüssel im Fenster einklemmt und zur Touristenattraktion wird - das dürfte interessant werden. Gegen die Nicht-Befolgung seines Diktums „Die Dekoration ist nicht stilisiert“ kann sich der Autor jedenfalls nicht mehr wehren.

Thematisch bietet die irre Geschichte rund um die Bauernfamilie Tilo, die sich mit Bürgermeister Trauerstrauch und Dorfkaplan Wolkenflug gerne mit einem 900-Blatt-Kartenspiel die Zeit vertreibt, erstaunliche aktuelle Anklänge an heutige Themen: „Wenn es um die Hitze in Afrika geht, glaubt man fast, Bauer habe den Klimawandel vorweggenommen“, erklärt Stückl in „Die Presse“. „Man liest das Neue einfach hinein, zum Beispiel über das Fremde. Sofort denkt man an die Flüchtlingskrise oder an das Willkommen - wenn es dem Tourismus dient.“ Stückl hat vor allem gegen Ende des Stücks, wenn sich die Dinge überschlagen und Lynchjustiz geübt wird, gestrafft und umgestellt. Wie es sich für einen absurden Alpen-Western gehört, kommt es zum Showdown. Und die Geier warten schon.

(S E R V I C E - „Der Rüssel“ von Wolfgang Bauer, Uraufführung. Regie: Christian Stückl, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Musik: Tom Wörndl. Mit: Branko Samarovski, Barbara Petritsch, Sebastian Wendelin, Simon Jensen, Christoph Radakovits, Stefanie Dvorak, Falk Rockstroh, Markus Meyer, Peter Matic, Dirk Nocker und Gesangskapelle Hermann. Premiere im Akademietheater morgen, Freitag, 20.4., 19.30 Uhr. Weitere Aufführungen: 24., 26.4., 1., 2., 26.5., Karten: 01 / 513 1 513, www.burgtheater.at; Wolfgang Bauer: „Der Rüssel. Szenische Texte aus dem Nachlass.“, hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Thomas Antonic, Ritter Verlag, 288 Seiten, 23,90 Euro, ISBN: 978-3-85415-530-0; Thomas Antonic: „Wolfgang Bauer, Werk - Leben - Nachlass - Wirkung“, Ritter Verlag, 350 Seiten, 27 Euro, ISBN: 978-3-85415-574-4. Buchpräsentation: 15.5., 20.30 Uhr, im Burg-Vestibül)