A4-Prozess - Hauptangeklagter: „Als hätte ich Familie verloren“

Kecskemet (APA) - Bei der Prozessfortsetzung in Ungarn um das A4-Flüchtlingsdrama von 2015 hat der Hauptangeklagte am Donnerstag den Tod der...

Kecskemet (APA) - Bei der Prozessfortsetzung in Ungarn um das A4-Flüchtlingsdrama von 2015 hat der Hauptangeklagte am Donnerstag den Tod der 71 Migranten in dem Lkw bedauert. Es sei „als hätte ich die eigene Familie verloren“, sagte der Afghane in Kecskemet. Der Mann gilt laut Anklage als Boss der Schlepperbande. In Ungarn ist „alles über mich gelaufen“, sagte der 31-Jährige, insgesamt sei er aber nicht der Chef.

Der Afghane, der 2012 nach Ungarn gekommen war und Schutzstatus erhalten hatte, las eine niedergeschriebene Aussage im Dialekt Paschtu vor. Zuvor machte er auf Aufforderung des Richters ein paar Angaben zu seiner Person: Er habe Psychologie studiert, ist verheiratet, hat keine Kinder und keinen Besitz in Ungarn, aber ein Haus gemeinsam mit seiner Familie in Afghanistan, sagte er.

Der Papierstapel, aus dem der Angeklagte vorlas, war rund 20 Zentimeter hoch. Seinen Angaben zufolge war er nach Aufenthalten in diversen Flüchtlingslagern mit rechtskonformen Papieren ausgestattet nach Budapest gekommen. Aus Afghanistan ließ sich der Mann sein Vermögen von 150.000 Dollar überweisen, das „nicht aus Straftaten stammte“, wie er betonte. Mit einem Teil des Geldes eröffnete er in der ungarischen Hauptstadt ein Internet-Cafe.

Weil das Lokal nicht gut lief, suchte er Rat bei einem Landsmann, der als Geldwechsler agierte. Auf dessen Vorschlag stieg der Hauptangeklagte in das Hawala-System ein, wie aus seiner Lesung hervorging. Die Bezahlung bei Schleppern erfolgt häufig über dieses Überweisungssystem der muslimischen Welt. Es basiert auf einer Geldübergabe über Vertrauensmänner und hinterlässt kaum Spuren. Hawala kommt aus dem Arabischen und hat seinen Ursprung im frühmittelalterlichen Handelswesen des Nahen und Mittleren Ostens.

Um 50.000 Euro erwarb der Hauptangeklagte von einem Afghanen eine SIM-Karte mit Kontaktdaten und damit dessen Kunden. Pro Überweisung kassierte er fünf Prozent an Gebühren. Aus verschiedenen Lagern in Ungarn seien Schleppungen organisiert worden. Als Chefs der internationalen Organisation bezeichnete der Mann den flüchtigen zwölften Angeklagten, Amin, sowie einen Mann namens Kairo. „Ein Dummer kann nicht schleppen, das können nur kluge Menschen. Die Schlepperei ist ein Schachspiel, doch nicht die Spieler sitzen hier.“

Er selbst sei lediglich Mittelpunkt der Organisation in Ungarn gewesen, sagte der 31-Jährige. „Mir haben alle in der Organisation vertraut, mir ihre Pläne erzählt“, erläuterte er. „Alles lief über mich.“ Der bulgarisch-libanesische Fünftangeklagte habe zwar alles an sich reißen wollen, Amin und Kairo hätten den Kontakt jedoch nicht nötig gehabt, „denn ich war der Kontakt“.

Der Fünftangeklagte habe auch den Vizechef verdrängen wollen. Der 52-Jährige sei daran gehindert, aber mit der Beschaffung der Autos beauftragt worden. Daraufhin wuchs das Geschäft auf 100 bis 120 Migranten am Tag, erläuterte der Hauptangeklagte. Der 52-Jährige habe immer größere Autos beschafft. „So ist es zu der Tragödie gekommen.“

Bisher habe er erklärt, welche Rolle die einzelnen Mitglieder der Organisation hatten, erläuterte der Hauptangeklagte. Bei der Verhandlung am (morgigen) Freitag soll es um konkrete Aktionen der Bande gehen.

In dem Prozess sind insgesamt 14 Personen - elf Bulgaren, zwei Afghanen sowie ein bulgarisch-libanesischer Staatsbürger - angeklagt. Sie sollen Schuld am Erstickungstod der Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, dem Iran und dem Irak sein. Unter den 71 Todesopfern waren vier Kinder. Drei der 14 Angeklagten sind noch auf der Flucht. Seit Juni 2017 wird in Kecskemet verhandelt.