Alpen-Elefant als Feindbild: Bauers „Der Rüssel“ im Akademietheater
Wien (APA) - Wenn in den Alpen die Palmen sprießen und der Kult um einen Elefanten den Pfarrer ruiniert, findet man sich mitten in Wolfgang ...
Wien (APA) - Wenn in den Alpen die Palmen sprießen und der Kult um einen Elefanten den Pfarrer ruiniert, findet man sich mitten in Wolfgang Bauers „Der Rüssel“. Das 1962 entstandene Frühwerk des Grazer Dramatikers wurde erst jüngst wiederentdeckt und Freitagabend am Akademietheater uraufgeführt. Regisseur Christian Stückl bemüht sich redlich, die richtigen Fragen zu stellen. Bloß: der Text antwortet nicht.
Die Voraussetzungen für einen tatsächlich gelungenen Theaterabend waren reichlich fragil: Mit „Der Rüssel“ wird ein Text ans Licht gebracht, den der 2005 im Alter von 64 Jahren verstorbene Dichter mit nur 21 Jahren als erstes abendfüllendes Stück geschrieben hat. Wie Stückl in einem „Zeit“-Interview vorab betonte, ging es wohl nie durch die Hände eines Lektors. Zudem war Bauer damals offenbar stark angetan vom absurden Theater. Und so lag es an Christian Stückl, diesen Stückentwurf nicht nur zu straffen, sondern streckenweise auch gehörig umzubauen, um den nach hinten ausfransenden Text zu strukturieren. „Wir haben das Stück wie Bildhauer erst aus dem Wortsteinbruch herausmeißeln müssen: wegstreichen, kürzen, straffen“, sagte der Regisseur der deutschen Wochenzeitung. Nicht zuletzt galt es auch, aktuelle Bezüge herauszuarbeiten, Bauer wurden im Vorfeld von verschiedenen Seiten beinahe hellseherische Fähigkeiten zugesprochen, was Themen wie Klimawandel und Migrationsströme betrifft.
Mit derart großer Vorbelastung hebt sich denn auch der Vorhang, der eine karge, felsige Berglandschaft freigibt, in deren Mitte die schwarzen Wände einer kargen Hütte mit bäuerlichem Interieur gesetzt sind. Dort lebt die Familie Tilo, die nicht nur den verstorbenen Urgroßvater ins Zentrum der Anbetung stellt, sondern auch Dreh- und Angelpunkt jener Vorgänge wird, die das gesamte Dorf in den kommenden Tagen in Aufruhr versetzen werden. Während der rothaarige Enkelsohn Florian sehnlichst auf die Geburt eines Elefanten wartet, wird es in den sonst kühlen Höhen immer wärmer. Bald sprießen die ersten Palmen und kriechen Riesenschnecken über das Gestein. Unter klarem Nachthimmel tobt ein Gewitter, das die Geburt des afrikanischen Tiers tosend begleitet. Bis Florian freudenstrahlend verkündet: „Der ‚Tag Afrika‘ ist da!“
Von nun an läuft alles aus dem Ruder: Florian, dem Sebastian Wendelin einen liebenswürdigen naiven Fanatismus verleiht, lässt seine Verlobte Anna (Stefanie Dvorak) links liegen, um sich voll und ganz „seinem“ Elefanten zu widmen. Barbara Petritsch als Großmutter Heloise ist vollauf damit beschäftigt, den Elefanten, dessen Rüssel sich mittlerweile im Herrgottswinkel der Hütte verkeilt hat, mit Eierspeise und Bananen zu füttern. Da hat ihr Mann Ulpian (Branko Samarovski) genügend Zeit, sich mit seinem stets von Rasierschaum bedeckten Gesicht an die verlorene Anna heranzumachen. Den Kapitalismus darf der Bürgermeister Trauerstrauch verkörpern, den Falk Rockstroh als unbeirrbaren Optimisten („Wir schaffen das!“) zeichnet. Er freut sich über die Touristenströme, die das seltene Naturereignis mit eigenen Augen sehen wollen. Auf Profit aus ist auch der Kolonialwarenhändler Kuckuck, der flugs passendes Tropengewand importiert, mit dem er das ganze Dorf einkleidet. Selbst in bunte Fransenkluft gewandet bietet Peter Matic einige grandiose Kurzauftritte.
Apropos grandios: Der große Verlierer des neuen Elefantenkults ist natürlich der Pfarrer Wolkenflug, dem Markus Meyer als hysterisch-herrischer Mann Gottes zahlreiche große Momente abringt. Die ursprüngliche Skepsis gegenüber den neuen Umständen weicht bald Panik über den sich vollziehenden Herrschaftsverlust. Denn Florian ist dabei, sich zum neuen Anführer aufzuschwingen, dem das Volk täglich für seine Heldentaten als Elefantenbesitzer zu danken hat. Der zunächst freudig begrüßte Elefant wird so zum Feindbild. Kein Wunder, dass da am Ende der eine oder andere Dorfbewohner sein Leben lassen muss.
Christian Stückl hat dafür den Weg der totalen Überzeichnung gewählt. Der ganze Abend wird von Kurzauftritten eines rothaarigen Chors (wunderbar: die Gesangskapelle Hermann) begleitet, der kommentierend zur Situation passende Volkslieder beisteuert. Tenor: jeder strebt nach Glück, früher war alles besser und „Sag zum Abschied leise Servus“. Wolfgang Bauers Intention wird trotz des absurden Mäntelchens deutlich: Der Ausbruch aus der konservativen Gesellschaft fordert seinen Preis, Machtwechsel vollziehen sich oft schneller als gedacht und Sündenböcke finden sich allzu schnell. Dennoch fehlt dem Text sowohl sprachlich als auch inhaltlich jene Durchschlagskraft, die Bauer mit späteren Stücken wie „Magic Afternoon“ oder „Change“ zu temporärem Weltruhm verhalfen. Der lang anhaltende Applaus galt neben dem starken Ensemble wohl vor allem der Nostalgie.
(S E R V I C E - „Der Rüssel“ von Wolfgang Bauer, Uraufführung. Regie: Christian Stückl, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Musik: Tom Wörndl. Mit: Branko Samarovski, Barbara Petritsch, Sebastian Wendelin, Simon Jensen, Christoph Radakovits, Stefanie Dvorak, Falk Rockstroh, Markus Meyer, Peter Matic, Dirk Nocker und Gesangskapelle Hermann. Weitere Aufführungen im Akademietheater: 24., 26.4., 1., 2., 26.5., Karten: 01 / 513 1 513, www.burgtheater.at; Wolfgang Bauer: „Der Rüssel. Szenische Texte aus dem Nachlass.“, hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Thomas Antonic, Ritter Verlag, 288 Seiten, 23,90 Euro, ISBN: 978-3-85415-530-0; Thomas Antonic: „Wolfgang Bauer, Werk - Leben - Nachlass - Wirkung“, Ritter Verlag, 350 Seiten, 27 Euro, ISBN: 978-3-85415-574-4. Buchpräsentation: 15.5., 20.30 Uhr, im Burg-Vestibül)
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