Fußball-WM-Geschichte 4 - 1950/“Maracanaco“ - Brasiliens Trauma
Rio de Janeiro (APA) - Die WM 1950 war die erste von zwei in Brasilien und hat sich als kollektives Trauma tief in die Fußballseele des Gast...
Rio de Janeiro (APA) - Die WM 1950 war die erste von zwei in Brasilien und hat sich als kollektives Trauma tief in die Fußballseele des Gastgeberlandes eingebrannt. Uruguay stürzte damals die fünftgrößte Nation mit einem 2:1-Sieg im entscheidenden Spiel um den Titel ins Tal der Tränen und wurde zum zweiten Mal nach der Heim-WM 1930 Weltmeister.
Die Absenz zahlreicher europäischer Staaten beruhte auch bei der zweiten WM in Südamerika und ersten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur auf Freiwilligkeit. So musste etwa Österreich aus Geldmangel passen, die Deutschen waren dagegen noch nicht wieder in die FIFA aufgenommen worden. Dafür war erstmals das „Fußball-Mutterland“ England dabei. Das nur 13 Mannschaften umfassende Feld beinhaltete auch Titelverteidiger Italien, obwohl nur ein Jahr zuvor beim Absturz eines Flugzeuges mit der Mannschaft des damaligen Meisters AC Torino auch die halbe Nationalelf getötet worden war.
Brasiliens Ballzauberer galten bei der WM im eigenen Land als haushohe Favoriten und wurden dieser Rolle zunächst auch gerecht. In der Finalrunde der vier Gruppensieger fertigten sie Schweden mit 7:1 und Spanien mit 6:1 ab, in der letzten Partie gegen Uruguay hätte damit bereits ein Remis zum Titel gereicht. 200.000 Zuschauer im Maracana-Stadion von Rio de Janeiro sorgten für ein Furioso auf den Rängen, als ihre Lieblinge durch Friaca kurz nach der Pause (47.) in Führung gingen.
Der Ausgleich von Juan Schiaffino (66.) trübte jedoch die Stimmung, und in der 79. Minute wurde es dann überhaupt totenstill in Brasiliens Fußball-Tempel: Uruguays Dribbelkünstler Alcides Edgardo Ghiggia schnappte sich den Ball, umkurvte mehrere Gegenspieler und erzielte den Siegtreffer. Der Traum vom WM-Triumph im eigenen Land wurde mit einem Schlag zerstört und zum Albtraum.
In Brasilien herrschte nach dieser Niederlage Weltuntergangsstimmung, die ganze Nation lag in Trauer. Bereits im Stadion spielten sich auf den Tribünen wahre Tragödien ab. Drei Zuschauer starben an Herzversagen, einer stürzte sich in den Tod. Und die weiße Spielkleidung der Brasilianer wurde für immer abgelegt, seither spielt die „Selecao“ vorrangig in Gelb-Blau. Der Ausdruck „Maracanaco“ (der Schlag von Maracana) ist seither jedem Brasilianer ein unliebsam bekannter Begriff.
Ein Trauma stellte das Spiel vor allem für Tormann Moacyr Barbosa dar, der beim Gegentor durch Ghiggia keine gute Figur abgegeben hatte. Der 16. Juli 1950 machte sein Leben zur Tragödie. „In Brasilien sieht das Gesetz für Mord 30 Jahre Haft vor“, hatte Barbosa 1993 in einem Interview erklärt. „Es ist weit mehr als diese Zeit seit dem Finale von 1950 vergangen und ich fühle mich noch immer eingekerkert. Die Menschen sehen in mir immer noch den Schuldigen für unsere Niederlage.“ Der inzwischen verstorbene Barbosa wurde noch zu dieser Zeit von der Selecao ferngehalten, weil er ihr Unglück bringe.
Uruguays Kapitän Varela erzählte später, dass er nach dem gewonnenen Titel mit seinen Teamkollegen in einer Bar in Rio einige Bier getrunken hatte. „Wenn ich dieses Finale noch einmal spielen müsste, würde ich absichtlich ein Eigentor erzielen“, sagte der Verteidiger. „Alle weinten, weil sie den größten Karneval aller Zeiten vorbereitet hatten, und wir hatten ihn ihnen vermiest. Ich fühlte mich sehr schlecht angesichts dieser Traurigkeit.“
~ Ergebnisse der Finalrunde: Brasilien - Schweden 7:1, Uruguay - Spanien 2:2, Brasilien - Spanien 6:1, Uruguay - Schweden 3:2, Schweden - Spanien 3:1, Brasilien - Uruguay 1:2. Endstand: 1. Uruguay 5 Punkte - 2. Brasilien 4 - 3. Schweden 2 - 4. Spanien 1 ~