Internationale Pressestimmen zur Wahl von Andrea Nahles

Berlin (APA/dpa) - Die europäischen Tageszeitungen schreiben am Montag zur Wahl der neuen deutschen SPD-Chefin Andrea Nahles:...

Berlin (APA/dpa) - Die europäischen Tageszeitungen schreiben am Montag zur Wahl der neuen deutschen SPD-Chefin Andrea Nahles:

„Tages-Anzeiger“ (Zürich):

„Ein Drittel von Basis und Funktionären wünscht die SPD mit heißer Sehnsucht nach links - und in die Opposition - und misstraut den zwei Dritteln, die glauben, dass sich die Partei trotz erneuter Regierungsverantwortung wieder erholen könne. Der Riss trennt insbesondere Parteispitze und einen Teil der Basis. Die Stimmen für Simone Lange sollten vor allem deren Unmut und Misstrauen sichtbar machen.(...)

Von Nahles erwartet die Partei, dass sie den Niedergang stoppt und die Entwicklung umkehrt. Sie soll sicherstellen, dass die SPD eine ‚Volkspartei‘ bleibt - ein Status, den sie im reichen Süden und im armen Osten seit längerem verloren hat.“

„El Mundo“ (Madrid):

„Andrea Nahles hat als erste Chefin in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie die schwierige Aufgabe, nach dem Debakel bei der letzten Wahl das Vertrauen der SPD-Wähler zurückzuerobern. Die neue Führerin der deutschen Linken steht aber außerdem auch vor der dringenden Herausforderung einer Neudefinition des politischen Programms der Sozialdemokraten, die in ganz Europa unter anderem aufgrund des Booms von populistischen, fremdenfeindlichen und euroskeptischen Gruppen auf dem absteigenden Ast sind. Die nur mit geringem Vorsprung gewählte Nahles wird Fraktionssprecherin der SPD sein und muss als solche zwei wichtige Dinge unter einen Hut bringen: Als Regierungspartnerin von (Bundeskanzlerin Angela) Merkel muss die SPD staatspolitische Verantwortung übernehmen. Gleichzeitig muss Nahles aber auch den linken Diskurs erneuern, damit die SPD ihre Identität zurückgewinnt, und auch die tiefe Uneinigkeit innerhalb der Partei überwinden.“

„La Repubblica“ (Rom):

„Die erste Frau in 155 Jahren Geschichte der SPD wurde mit nur 66,4 Prozent der Stimmen gewählt. Es ist das zweitschlechteste Ergebnis der Nachkriegsgeschichte. Und auch sie, die kämpferische Chefin der sozialdemokratischen Parlamentarier, braucht eine Weile, bis sie das Lächeln zurückgewinnt. (...)

Doch das eigentliche Problem der ältesten Partei Deutschlands bleibt ein anderes. Und in ihrer Rede, mit der sie den Parteitag am Nachmittag schließt, gibt (Andrea) Nahles zu: ‚Es gibt noch viel zu tun.‘ Die Erneuerung einer politischen Kraft, die auf ihr historisches Tief von 20,5 Prozent bei den Wahlen im September abgesackt und auf 18 Prozent in den neuesten Umfragen abgestürzt ist, hat gerade erst begonnen. Und die Große Koalition ist keine Hilfe.“

„Neue Zürcher Zeitung“:

„Wäre heute Bundestagswahl, kämen die Genossen auf etwa 17 Prozent der Stimmen. Auch wenn nun erstmals eine Frau an der Spitze der Partei steht, so ändert das nichts daran, dass es mit Nahles eine Figur der alten Riege ist, die neuen Schwung verleihen soll. Tief greifende Veränderungen sind deshalb kaum in Sicht. Der uninspirierte Kurs sorgt für innerparteiliche Unzufriedenheit, die auch für die Koalition mit der Union zum Problem werden könnte. Die Union strapaziert die Koalition mit konservativen Vorstößen und gibt derzeit in Berlin die Themen vor. Der Unmut darüber war Thema der Parteitagsreden in Wiesbaden. Die SPD ist unzufrieden mit ihrem Partner und mit sich selbst. Die Argumente der Nahles-Gegner lassen sich dabei nicht leicht beiseitewischen. Sie wollen die Partei auf neue Füße stellen.“

„Die Welt“ (Berlin):

„Die SPD macht es ihren führenden Vorsitzenden traditionell schwer. Doch selbst vor dieser Folie hat sie Nahles mit 66 Prozent ein Misstrauensvotum ausgestellt. Der Ausgang der Wahl wirft ein Schlaglicht auf die Zerrissenheit der SPD. Erst im Jänner hatten die Delegierten mit nur 56 Prozent Gespräche mit der Union über die Bildung einer Koalition gebilligt, und zwar nachdem sich Nahles genau dafür in die Bresche geworfen hatte. Der Umgang des SPD-Establishments mit Simone Lange war wenig souverän. Es wäre Andrea Nahles kein Zacken aus der Krone gebrochen, hätte sie sich mit ihr getroffen. Etwas generöser hätte man Lange sehr wohl begegnen können. Ihr Rückhalt auf dem Parteitag hat auch mit diesem eklatanten Mangel zu tun.“