Soziologen beleuchten Veränderungen im Bauernleben in Österreich

Graz (APA) - Seit den 1950er-Jahren sinkt in ganz Europa die Zahl der bewirtschafteten Bauernhöfe. Von rund 400.000 bäuerlichen Betrieben is...

Graz (APA) - Seit den 1950er-Jahren sinkt in ganz Europa die Zahl der bewirtschafteten Bauernhöfe. Von rund 400.000 bäuerlichen Betrieben ist die Zahl auf etwa 160.000 zurückgegangen. Diese stehen im 21. Jahrhundert vor großen Herausforderungen. Wie Landwirte und Landwirtinnen in Österreich ihre Situation wahrnehmen und bewerten, haben Soziologen der Universität Graz erforscht.

Franz Höllinger vom Institut für Soziologie an der Universität Graz hat im Zuge eines vom Forschungsförderungsfonds FWF unterstützten Projektes einen ausführlichen Fragebogen erstellt und ausgewertet. Er wurde von 239 Bäuerinnen und Bauern aus ganz Österreich beantwortet. Weitere rund 30 vertiefende, qualitative Interviews konzentrierten sich auf die Steiermark.

Mehr als die Hälfte der bäuerlichen Betriebe seien mittlerweile Nebenerwerbsbetriebe, „mehrheitlich bleiben die Frauen daheim, weil der Mann mehr verdient“, schilderte Höllinger im Gespräch mit der APA. Ihre Rolle am Hof dürfte sich dennoch verändert haben. Lange sei die Bäuerin - wenn sie nicht selbst den Hof leitete - oft lediglich als Mitarbeitende betrachtet worden. „Die Entscheidungsmacht lag bei den Männern. Heute sind Frauen jedoch Mit-Entscheiderinnen. Die betriebliche Arbeit wird in sehr egalitärer Weise gemacht und die Bäuerinnen fühlen sich wohl“, erzählte der Grazer Projektleiter. Das bedeute jedoch nicht, dass eine traditionelle Arbeitsteilung völlig verschwunden wäre.

Die schwere körperliche Arbeit - Feldarbeit oder Arbeit mit landwirtschaftlichen Geräten - übernehmen demnach nach wie vor eher die Männer. Die tägliche Hausarbeit, die Betreuung der Kinder, Stallarbeit oder die Verarbeitung von Produkten ist Frauendomäne geblieben. Laut Höllinger sahen das die befragten Bäuerinnen jedoch „sehr positiv“: „Sie können am eigenen Wohnort berufstätig sein und sich um die Kinder kümmern“, erklärte der Soziologe.

Der Druck, betriebswirtschaftlich zu denken und innovative Produktionskonzepte zu entwickeln, habe für die Bäuerinnen neue Arbeitsbereiche, wie etwa Marketing, Buchhaltung und Direktvermarktung geschaffen. Letztere sei - durch den direkten Kundenkontakt - auch eine Quelle der Wertschätzung. Allerdings lasse sich die Direktvermarktung auch nicht in allen Landstrichen gleich gut realisieren. Oft würden die Bäuerinnen generell die operative Betriebsführung übernehmen, weil die Männer einem Erwerb außer Haus nachgehen.

„Wir haben die Bauern als sehr innovative Gruppe kennengelernt. Viele sind kreative, dynamische Jungunternehmer, die offen für Veränderungen und neue Möglichkeiten sind“, fasste Höllinger zusammen. Technologischen Entwicklungen stünden sie offen gegenüber, vor allem, wenn sie mehr Unabhängigkeit und die Möglichkeit, auch einmal „Urlaub vom Bauernhof“ zu nehmen, bringen.

Denn das Leben am Hof ist nach wie vor arbeitsintensiv. Ob die Arbeitssituation und Lebensbedingungen positiv betrachtet werden, hängt laut Höllingers Analyse auch davon ab, ob Altbauern und die Kinder mithelfen. Alles in allem habe er den Eindruck gewonnen, dass Landwirtinnen und -wirte trotz der Abhängigkeit von Ausgleichszahlungen ein deutlich positiveres Selbstbild haben, als noch vor einigen Jahrzehnten.

Das Zusammenleben von drei Generationen habe sich in den vergangenen vier Jahrzehnten laut Höllinger „stark verbessert“. Wie im Roman von Franz Innerhofer, der ein bedrückendes Bild vom harten Alltag eines Buben auf einem Bergbauernhof zeichnete, gehe es heute jedenfalls nicht mehr zu: „Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass ein Kind den Hof übernimmt. Alle machen eine gute Ausbildung. Jene, die den Hof dann tatsächlich übernehmen, sind zum Großteil jene, die es dann wirklich gerne machen“, resümierte der Soziologe.

Der generell positive Befund der Studie sei allerdings „nur bedingt generalisierbar“, schränkte Höllinger ein. Der Zugang zur Zielgruppe sei „schwierig“ gewesen und die Fragen seien eher von innovativen, erfolgreichen und jüngeren Bäuerinnen und Bauern beantwortet worden.