US-Bestsellerautorin Celeste Ng: „Es gibt nicht den richtigen Weg“
Wien (APA) - Celeste Ng steht mit „Kleine Feuer überall“, einem Roman über Privilegien, Mütterschaft, Selbstverwirklichung, Rassismus und Le...
Wien (APA) - Celeste Ng steht mit „Kleine Feuer überall“, einem Roman über Privilegien, Mütterschaft, Selbstverwirklichung, Rassismus und Lebensstile seit Wochen auf den US-Bestsellerlisten. Neben Sprache und Stil überzeugen die Charaktere. „Es ist Aufgabe eines Autors, Verständnis für seine Figuren aufzubringen, auch wenn man ihnen nicht zustimmt“, sagte die 38-jährige Amerikanerin im Interview mit der APA.
APA: Erwartungen an das Leben und Erwartungen, die jemand in andere Personen setzt, sind ein wiederkehrendes Motiv in Ihren Büchern.
Celeste Ng: Mich interessieren Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, welche Erwartungen Familienmitglieder an einander haben, was passiert, wenn diese nicht erfüllt werden. Diesen Konflikt will ich tiefer erforschen.
APA: Vorurteile sind ebenfalls ein wiederkehrendes Thema. Haben Sie persönliche Erfahrungen verarbeitet?
Celeste Ng: Nicht unbedingt, aber weil meine Eltern aus China stammen, schaue ich anders aus als andere Amerikaner. Ich habe immer an Orten gewohnt, wo nicht viele andere Chinesen oder überhaupt Asiaten gelebt haben. Ich kann daher nachvollziehen, wie man sich fühlt, wenn man nicht wie die anderen ist. Ich wollte mit meinen Büchern ein Bewusstsein dafür schaffen. In Amerika wird viel über Schwarze und Weiße gesprochen, aber kaum über Latinos oder Asiaten. Das passt nicht ins Bild, das wollte ich ins rechte Licht rücken.
APA: Ihr Debüt „Was ich euch nicht erzählte“ hatte eine wesentlich düstere Atmosphäre als „Kleine Feuer überall“, allerdings brodelt es in ihrem neuen Buch unter der Oberfläche. Wollten Sie eine stilistische Wiederholung vermeiden?
Celeste Ng: Meine Schwester hat nach der Lektüre meines ersten Romans gemeint, dass er ihr zwar gefalle, aber ob ich beim nächsten Mal nicht etwas lustiger schreiben könnte (lacht). Nein, ich habe das nicht mit Vorsatz gemacht, aber es hat zum Thema gepasst, einen etwas helleren Ton anzuschlagen.
APA: Es gibt vier verschiedene Mütter in „Kleine Feuer überall“ - eine alternative und eine konservative Mutter, eine Mutter, die ihr Kind aus Verzweiflung weglegt und eine betuchte Dame, die unbedingt ein Kind adoptieren will. Wie sind sie auf diese Figuren gekommen?
Celeste Ng: Es gibt außerdem noch das Mädchen, das abtreibt, weil es keine Mutter sein will... Es ging mir eigentlich gar nicht darum, möglichst viele Arten von Müttern zu zeigen. Aber je mehr ich an der Geschichte arbeitete, desto mehr dachte ich darüber nach, was die Gesellschaft von Müttern erwartet. Jeder hat seine Vorstellungen davon, wie sich Mütter zu verhalten haben und wie nicht. Mütter sind ständigen Beurteilungen ausgesetzt.
APA: Sie zeigen verschiedene Lebensstile, verschiedene Zugänge zum Muttersein auf. Der konservativen Mutter aus gutem Hause stellen Sie eine Künstlerin gegenüber, die mit ihrer Tochter häufig den Wohnort wechselt und sich nicht Rollenklischees unterordnet. Aber beide Lebensstile sind nicht perfekt, wie Sie in Ihrer Geschichte zeigen.
Celeste Ng: Es gibt nicht DEN richtigen Weg. Egal, welchen Weg man im Leben einschlägt, man muss immer etwas aufgeben.
APA: Die Charaktere in Ihrem Buch sind sehr sorgfältig ausgearbeitet und nicht eindimensional.
Celeste Ng: Ich wende viel Zeit dafür auf, über meine Charaktere nachzudenken. Es ist so, wie wenn man jemanden auf einer Party kennenlernt und nach und nach mehr über die Person erfährt. Ich schreibe auch viel aus der Sicht der Charaktere nieder, etwa an was sie sich aus ihrer Kindheit erinnern, über Streit mit ihren Eltern. Das kommt dann zwar nicht ins Buch, aber so erhalte ich ein Gefühl dafür, wer diese Leute sind, wie so geworden sind und warum sie so handeln.
APA: Ihr Prosa wird hochgelobt. Woher kommt Ihr Sprachverständnis?
Celeste Ng: Meine Mutter behauptet, ich konnte schon mit zwei Jahren lesen. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Aber ich kann mich nicht an eine Zeit erinnern, in der ich nicht geschrieben habe. Mit sieben Jahren verfasste ich meine ersten Theaterstücke, meine Cousins mussten diese vor der Familie aufführen. Aber dass ich Schreiben zu meinem Beruf mache, war zunächst kein Thema. Einer meiner Collegelehrer hat mich dazu ermutigt.
APA: Nach der Lektüre Ihrer Bücher glaubt man zunächst alles erfahren zu haben. Aber dann beginnt man über die Geschichte nachzudenken und sie weiterzuspinnen...
Celeste Ng: Das soll auch so sein. Wenn ich Leser treffe, wollen sie stets mehr über die Leute in meinen Romanen erfahren. Aber ich will dem Leser Raum lassen. Würde ich ihnen alles verraten, hätten die Leser keine Aufgabe.
(Das Gespräch führte Wolfgang Hauptmann/APA)
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