VBW-Musicalchef Christian Struppeck: „Ich bin kein Alleinherrscher“

Wien (APA) - Derzeit hat Christian Struppeck, Musicalchef der Vereinigten Bühnen Wien (VBW), mit „I am from Austria“ einen echten Hit im Tal...

Wien (APA) - Derzeit hat Christian Struppeck, Musicalchef der Vereinigten Bühnen Wien (VBW), mit „I am from Austria“ einen echten Hit im Talon. Außerdem ist der Vertrag des seit 2012 amtierenden, 49-jährigen Deutschen vor kurzem bis Mitte 2025 verlängert worden. Grund genug für ein APA-Interview über seine Pläne, das Leben zwischen Kunst und Verwaltung sowie Rainhard Fendrich am Broadway.

APA: Ende 2017 ist nach langem Warten Ihr Vertrag als Chef der VBW-Musicalsparte verlängert worden. War diese Zeit der Unsicherheit schwierig für Sie?

Christian Struppeck: Es war natürlich ein sehr langer Zeitraum - was wohl auch damit zu tun hatte, dass parallel die Position des Theaters an der Wien gesucht wurden. Natürlich war es etwas komisch für mich, sich nochmals vorstellen zu müssen. Zugleich fand ich es auch gut, nochmals eine Bestandsaufnahme zu machen und sich zu überlegen, was ich vorhabe für die Zukunft.

APA: Sie sind nun bis zumindest Mitte 2025 im Amt. Wird es eine radikale Abkehr von Ihrem bisherigen Konzept geben?

Struppeck: Wir hinterfragen uns ständig - es wäre ja schlimm, wenn man den Markt oder das Publikum nicht beobachtet. Aber wir werden weiterhin Eigenentwicklungen und Blockbuster zeigen. Große Stücke, die wir über eine Spielzeit hinweg zeigen können, sind am wirtschaftlichsten. Und wir können als Unterscheidungsmerkmal zu den Mitbewerbern die großen aktuellen Sachen zeigen. Da wollen wir eine klare Linie fahren und ein Stück eher nicht nur fünf Monate zeigen.

APA: Zugleich ist das Risiko in diesem Fall größer, wenn ein Stück floppt...

Struppeck: Das Risiko hat man bei jedem Stück. Am Theater kann man nichts ausschließen.

APA: Wird es programmatisch eine klarere Linie für Ihre beiden Häuser Ronacher und Raimund Theater geben?

Struppeck: Wir werden die neueren Stücke eher im Ronacher, dem kleineren Haus, machen. So war „Schikaneder“ beispielsweise nicht so gut besucht, trotz toller Kritiken. Wir hatten rund 800 Besucher pro Show - was im Ronacher 80 Prozent Auslastung entspräche, im Raimund Theater aber eben rechnerisch weniger ist.

APA: Das bedeutet, ein „Tanz der Vampire“ ist künftig im Raimund zu sehen?

Struppeck: Man muss das ja nicht in Stein meißeln. Natürlich muss man flexibel bleiben und darf ein Konzept nicht in Beton gießen. Wenn man ein Bühnenbild für viel Geld umbauen müsste, nur damit es in ein anderes Haus passt, wäre das verrückt.

APA: Zugleich startet mit Sommer 2019 die Sanierung des Raimund Theaters. Auf einen Ausbau mit mehr Sitzplätzen verzichtet man nun. Warum?

Struppeck: Wenn man mehr Plätze hat, muss man die auch füllen. Und wenn man mehr Plätze im Raimund Theater schaffen wollte, müsste man das Haus grundlegend umbauen, was wahnsinnig teuer wäre. Wir haben uns deshalb dagegen entschieden.

APA: Können die Pläne in Ihren Augen noch an einem neuen Kulturstadtrat scheiter?

Struppeck: Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen. Das Haus muss saniert werden. Und dass wir kein drittes Haus wollen, steht schon lange fest. Unser Konzept mit zwei Spielorten ist marktgerecht.

APA: Wie sehr denken Sie bei der Entwicklung eines neuen Stoffes an die internationale Vermarktbarkeit? Mit dem aktuellen Erfolg von „I am from Austria“ wird es ja wohl keine Auslandslizenzierung geben, oder?

Struppeck: Da gibt es schon Interessenten.

APA: Aus dem nicht-deutschsprachigen Ausland?

Struppeck: Ja. Da das Stück im Dialekt spielt, ist das einfacher, weil man es einfach neu übersetzen kann.

APA: Aber zieht Rainhard Fendrich auch im Ausland?

Struppeck: Das Musical hat tolle Musik. Wenn man ein neues Stück schreibt, ist die Musik ja auch nicht bekannt.

APA: Die Hoffnung, mit „Rebecca“ erstmals ein VBW-Stück an den Broadway zu bringen, hat sich zerschlagen. Bleibt New York weiterhin ein Ziel für Sie?

Struppeck: Natürlich wären London und New York toll - was aber schwierig ist. Die haben dort nicht gerne ausländische Produktionen. Aber wir sind mit „Schikaneder“ ganz konkret im Gespräch als Lizenzgeber. Da haben wir mit Stephen Schwartz ja auch einen amerikanischen Komponisten.

APA: Sie sind auch als Kreativer tätig. Nervt es Sie da nicht, sich mit solchen Verwaltungsfragen zu beschäftigen?

Struppeck: Bei mir war es immer schon, dass ich geschrieben, choreografiert, inszeniert und mich für die geschäftliche Seite interessiert habe. Das war und ist ungewöhnlich, passt in diesem Job aber perfekt. Ich kann mit dem Choreografen, dem Regisseur, dem Dirigenten oder dem Juristen fachsimpeln. Das ist praktisch.

APA: Es wird an den VBW also weiterhin Stücke mit Libretto von Ihnen geben?

Struppeck: Als Künstler möchte ich mich einfach ab und an künstlerisch betätigen. Auch wenn der Zeitaufwand ein Wahnsinn ist - ich kann das ja nur zusätzlich nachts oder am Wochenende zu Hause machen.

APA: Welches Honorar erhalten Sie für ein Libretto?

Struppeck: Ich darf laut meinem Vertrag keine Tantiemen bekommen. Wenn wir jemand Externen engagieren macht das hingegen einen wesentlichen Teil der Kosten aus. Das Schreiben macht mir Spaß, es ist aber auch ein wahnsinniger Stress. Und dass ich da Geld sparen helfe, wird immer ausgeblendet. Das ist eine Regelung, die könnte man auch hinterfragen.

APA: Dass Sie selbst einmal Regie am Haus führen, schließen Sie aus?

Struppeck: Ich würde es nicht ganz ausschließen, habe es aber momentan nicht am Zettel.

APA: Widerstand von VBW-Geschäftsführer Franz Patay gab es allerdings dagegen, dass Ihr Partner Andreas Gergen weiterhin Stücke am Haus inszeniert. Wie stehen Sie zu der Entscheidung?

Struppeck: Andreas Gergen muss hier nicht jedes Stück inszenieren. Er arbeitet überall - und wir können natürlich sagen, wir sind jetzt das einzige Haus, an dem er das nicht mehr darf. Aber bei „Don Camillo“ hatte ihn das Theater St. Gallen etwa schon ausgesucht. Und bei „I am from Austria“ hat Rainhard Fendrich die Bedingung gestellt, dass Andreas es inszeniert. Er ist einfach sehr gefragt. Und es wäre ja komisch, wenn er als Musicalexperte überall arbeitet, nur nicht bei uns.

APA: Ein neuerliches Engagement von Herrn Gergen ist von Ihrer Seite also nicht ausgeschlossen?

Struppeck: Zunächst machen wir das jetzt nicht, wenn das von allen Seiten so kritisch gesehen wird. Andreas Gergen hat in den kommenden drei Jahren ohnedies keine Zeit. Aber „I am from Austria“ hat auch deshalb so gut funktioniert, weil sich das ganze Team so gut verstanden hat. Das wird immer ausgeblendet, wenn so etwas kritisiert wird. Man spürt bei einem Stück, ob die Macher dahinter harmonieren.

APA: Die Kritik entzündet sich ja nicht daran, dass Sie sich als Autor und Regisseur kennen, sondern dass Sie als Intendant ihrem Lebensgefährten einen Auftrag geben...

Struppeck: Man holt ja immer Leute, die man kennt und denen man vertraut - und keine Fremden. Andreas und ich haben auch viele Jahre vor meiner Berufung zu zweit inszeniert. Ich wurde ja nicht zuletzt aufgrund des Erfolgs dieser Produktionen geholt. Außerdem wird ja am Haus gemeinsam besprochen, wer inszeniert. Es gibt schließlich noch einen Geschäftsführer und einen Aufsichtsrat. Ich bin kein Alleinherrscher.

APA: Im Gegensatz zur Film- oder der Klassikszene ist die #MeToo-Debatte in der Musicalwelt scheinbar noch nicht angekommen. Stellen sich hier diese Themen nicht?

Struppeck: Es ist tatsächlich so, dass ich im Musicalbereich noch nichts gehört habe. Einzelgespräche für Rollen sind im Film offensichtlich üblicher. Das ist bei einem Vorsingen mit vielen Menschen in einem Raum wie beim Musical anders.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

(B I L D A V I S O - Fotos von Christian Struppeck wurden zuletzt am 17. November 2016 über den AOM verbreitet und sind dort abrufbar.)