Als Wien in die Breite ging: MUSA feiert die Kunst der 90er

Wien (APA) - Es war das Jahrzehnt, in dem es rund ging in der Wiener Kunstszene: Weltpolitische Umwälzungen und ein Eröffnungsreigen neuer h...

Wien (APA) - Es war das Jahrzehnt, in dem es rund ging in der Wiener Kunstszene: Weltpolitische Umwälzungen und ein Eröffnungsreigen neuer heimischer Kulturinstitutionen brachten frische Inhalte und Stile in die Arbeiten. Das Museum auf Abruf (MUSA), inzwischen Außenstelle des Wien Museums, lässt die 1990er-Jahre nun hochleben - und das gleich in einem Ausstellungs-Dreiteiler. Teil 1 ist ab Mittwoch zu sehen.

„Das ist die bisher umfangreichste Ausstellung über dieses Jahrzehnt in Wien“, freute sich Hausherr Berthold Ecker, der neben Brigitte Borchhardt-Birbaumer auch kuratiert hat, am Dienstag in einem Pressegespräch. Das MUSA hat in den vergangenen Jahren immer wieder auf einzelne Jahrzehnte fokussiert - beginnend mit den 50ern. Bisher begnügte man sich immer mit einer kompakten Schau. Angesichts eines Bestands von rund 4.000 Arbeiten aus der letzten Dekade des vorigen Jahrtausends „war uns rasch klar, dass wir einen Sukkus auf 600 Quadratmetern nicht schaffen“. Also hat man sich entschieden, die 90er bzw. rund 250 Vertreter auf „drei Aufzüge“ („Man könnte auch sagen: drei Teile, aber das klingt nicht so cool“, analysierte Wien-Museums-Chef Matti Bunzl nüchtern) auszuwalzen.

Der erste Akt nennt sich „Ein Wiener Diwan“ und verweist nicht zuletzt auf die Internationalisierung des damaligen Künstlerkreises. Das Ende des Ostblocks rückte Österreich plötzlich „vom rechten Rand“, wie Ecker sagte, in die Mitte Europas. Leute aus dem Nahen Osten kamen in die Bundeshauptstadt, der Krieg im zerfallenen Jugoslawien führte zu einer Auseinandersetzung mit Flucht und Migration. Nachvollziehbar sind sie im kleineren Nebenraum gleich beim Eingang, wo Fotografien aus dem „Fremdes Wien“-Zyklus von Lisl Ponger oder des türkischstämmigen „Augustin“-Fotografen Mehmet Emir („Gastarbeiter“) oder ein Plakat von Sieglind Gabriel hängen. Letzteres zeigt einen Ausschnitt einer Marktszene mit Fladenbrot, Frau mit Kopftuch und fremdländisch beschriebener Schiefertafel. Darunter steht: „Istanbul. Brunnenpassage, 1150 Wien“.

Lois Weinberger verband Politik und Ökologie, die ebenfalls vermehrt reflektiert wurde. Bei der documenta bepflanzte er 1997 ein stillgelegtes Gleis in Kassel mit eingeschleppten Pflanzen aus Süd- und Südosteuropa, die Samen dafür hatte er u.a. am ehemaligen Todesstreifen der Berliner Mauer gesammelt. Gerhard Gutruf wählte einen anderen Zugang zum Umweltgedanken: Er bemalte eine Schutzverpackung aus Pappmache weiß, rahmte sie und hängte sie gewissermaßen als Querschnitt eines kleinen Raums an die Wand.

Die dreiteilige Auffächerung mache es möglich, „über die üblichen Verdächtigen hinauszuschauen“, sagte Ecker. Soll heißen: Neben großen Namen haben auch unbekanntere Künstler von ebenso großer Qualität Platz. So hängt im MUSA neben Herbert Brandl, damals schon ein Aushängeschild, ein abstraktes „Stilleben“ (1993) von Martha Jungwirth, die erst später ihren Durchbruch hatte und derzeit in der Albertina gewürdigt wird, und ein rotes Aquarell-Gewimmel der immer noch wenig bekannten Edith Spira.

Nicht zuletzt inspiriert von einem gewaltigen Schub durch die Eröffnung neuer Kultureinrichtungen - etwa der Kunsthalle 1992, der Generali Foundation 1995 oder den Vorbereitungen für das Museumsquartier - ging die Szene in den 90er-Jahren auch stilistisch in die Breite. Nach dem „Jahrzehnt der Malerei“ (Borchhardt-Birbaumer) traten die Skulptur, Konzeptkunst und neue Medien in den Vordergrund. Elisabeth von Samsonow und Karin Frank schnitzten kindergroße Holzfiguren, Kurt Lang filmte seine Fahrten mit der U3 und zeigte sie in einer vielfach verspiegelten Box als „unendlichen bewegten Raum“.

Und Lawrence Weiner ertüftelte seine temporäre Schriftskulptur für die Festwochen: „Smashed to Pieces (In the Still of the Night)“. Die Entwurfsskizze wird - wie alle anderen Arbeit des ersten Ausstellungsteils - am 1. Juli wieder im Archiv deponiert. Die Umsetzung am Flakturm in Mariahilf verschwindet indes bald für immer. Der Schriftzug muss spätestens kommendes Jahr den Ausbauplänen des Haus des Meeres weichen.

Teil 2 der 90er-Jahre-Schau mit Fokus auf Kitsch und Ironie eröffnet am 12. Juli, wenn auch der sich gerade im Druck befindliche 560 Seiten dicke Katalog erhältlich sein wird. Der dritte und letzte „Aufzug“, der sich u.a. mit dem Kunstmarkt auseinandersetzt, folgt am 11. Oktober. Angepriesen werden Namen wie Elke Krystufek, Erwin Wurm, Deborah Sengl, Gerwald Rockenschaub, Peter Kogler, Franz West und - wie schon am Plakatmotiv - die um die Welt gereisten Pinguine von Willy Puchner.

(S E R V I C E - „Die Neunziger Jahre“, dreiteilige Ausstellung im MUSA, ab Mittwoch bis 20. Jänner 2019, 1., Felderstraße 6-8, Eintritt frei; www.musa.at)