Durchsichtiges Haus mit Deckel
Ein markantes Dach dominiert das sich raffiniert innen und außen verschränkende Haus, das sich die Familie W von den Innsbrucker ao architekten hat planen lassen.
Von Edith Schlocker
Mutters –Die Wohnung der sechsköpfigen Familie W war viel zu klein. Es musste etwas geschehen. Und da es in Mutters ein Grundstück in Familienbesitz gab, lag es auf der Hand, das darauf stehende, längst abgewohnte Haus aus den 1950er-Jahren abzubrechen und ein neues zu bauen. Wobei der Bauplatz zwar mitten im dicht bebauten Ortsgebiet liegt, letztlich aber ein eigener kleiner Hügel ist, unverstellter Rundumblick inklusive. Ein unbezahlbares Kapital, das es architektonisch zu nutzen galt.
In Michael Felder (ao architekten) fanden die Ws den für sie idealen Architekten. Brachte er doch die notwendige Sensibilität im Umgang mit diesem sehr speziellen Ort mit, um trotz der behutsamen, dem Gelände folgenden Setzung des Baukörpers auf Wunsch des Bauherrn die Hälfte des Grundes nicht anzutasten. Fände es Herr W angesichts der aktuellen Knappheit an Grund und Boden doch fast unmoralisch, die kompletten 1700 Quadratmeter zu besetzen. Nicht zuletzt auch im Hinblick darauf, dass vielleicht irgendeinmal eines der Kinder hier bauen möchte.
Gemäß dem Wissen, dass diese nicht immer klein bleiben und im Haus mit seinen rund 200 Quadratmetern Nutzfläche wohnen werden, ist auch das Haus konzipiert. Indem es mit relativ geringem Aufwand in zwei voneinander komplett autonome Einheiten getrennt werden könnte.
Vorerst ist allerdings im unteren, südseitig fast zur Gänze im Hang verschwindenden Geschoß das Reich für die vier Kinder, oben wird gewohnt und schlafen die Eltern. Großer Wert wird beim Haus W auf eine raffinierte Verschränkung von Außen- und Innenraum gelegt. Die nicht zuletzt des in Mutters oft arg wütenden Föns wegen klug ausgeklügelt auf die unterschiedlichste Art und Weise passiert. Auf größeren und kleineren Balkonen und Terrassen, die durch die zahlreichen Vor- und Rücksprünge des Baukörpers Wind und Sonne ausgesetzt sind oder vor diesen schützen. Besonders effektiv in einem von hohen hölzernen Lamellen beschatteten, in den Baukörper hineingeschnittenen Zwitter aus Außen- und Innenraum. Was allerdings das ganz Spezielle des Hauses W ausmacht, ist neben dem Spiel mit Innen und Außen jenes mit Aus- und Durchblicken in sämtliche Richtungen. Vom Bett im Elternschlafzimmer aus blickt man etwa direkt auf die Nordkette, durch die Oberlichte im anschließenden Bad gar in den Himmel.
Von Süden aus betrachtet, nimmt man vom Haus W fast nur dessen markantes Dach wahr, das auf gefrästen Sichtbetonwänden liegt. 1,40 Meter ist dessen aus Weißtanne gebaute, oben mit Kupfer eingefasste Attika breit, hinter der sich ein bekiestes Flachdach verbirgt, auf das eventuell noch Photovoltaik-Elemente gelegt werden.
Die Wände der Kinderzimmer sind weiß bzw. pastellig gemalt, die Decken zeigen den puren Sichtbeton. Im Wohnbereich sind aus diesem die Wände, während die Decken hier wie auch die Böden aus verschiedenen Hölzern sind, mit Ausnahme von jenem im Foyer, der epoxidbeschichtet ist. Dieses Spiel mit unterschiedlichen Materialien setzt sich auch bei den riesigen Schiebetüren und Fenstern fort, um auf diese Weise nicht zuletzt die unterschiedlichen Zonierungen des Hauses zu markieren, was sich auch in unterschiedlichen Raumhöhen ausdrückt. Um im räumlich sehr offen, raffiniert durch freistehende Wände und Stufen gegliederten Wohnbereich etwa bis zu 2,90 Meter zu betragen. Markantes „Herz“ des Hauses ist ein raumhoher Holzofen aus Schwarzstahl, an den sich eine Sitznische anschließt.
Praktisch von allen Räumen – außer dem von 15 kleinen runden Fensterchen durchlöcherten WC – aus zugänglich ist der Garten. Dass von dessen altem Baumbestand durch den Neubau so wenig wie möglich geopfert werden musste, war den Bauherren wichtig. Inklusive eines prächtigen Baumhauses, das nicht nur Kinderherzen höherschlagen lässt.
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