Marina Abramovic: „Die Vergangenheit interessiert mich nicht“
Wien (APA) - Mit ihrer Ausstellung „Two Hearts“ in der Wiener Galerie Krinzinger widmet sich die gefeierte Performance-Künstlerin Marina Abr...
Wien (APA) - Mit ihrer Ausstellung „Two Hearts“ in der Wiener Galerie Krinzinger widmet sich die gefeierte Performance-Künstlerin Marina Abramovic (71) der Dualität. Heute, Mittwoch, Abend erhält sie im Kunsthistorischen Museum den „Globart Award“ für ihr Lebenswerk. Im Interview mit der APA sprach sie über die Kraft der Weiblichkeit, den Sinn von Fehlern und die Öffnung ihrer Performances für den Nachwuchs.
APA: In Ihrer Ausstellung „Two Hearts“ widmen Sie sich der Dualität. Wie kam es zu dieser Auseinandersetzung?
Marina Abramovic: Ich denke, dass jeder Mensch viele Herzen in sich trägt. Wir denken immer, dass wir nur eine Person sind, aber eigentlich sind wir multipel. Ich habe drei Marinas in mir, aber ich exploriere hier nur zwei davon. Wir verbergen so viele Dinge, die wir an uns nicht mögen. Wir wollen etwa nicht zugeben, dass wir uns schämen oder unsicher sind. Oder dass wir unterschiedliche Menschen mit derselben Intensität lieben können. Wir sind verwundbar, kreieren aber immer nur das beste Bild von uns. Ich wollte diese Verletzlichkeit erforschen.
APA: Welche Arbeiten sind Ihnen dabei besonders wichtig?
Abramovic: Besonders mag ich die Serie „Carry Elvira“, wo ich eine Frau auf unterschiedliche Arten trage. Eine davon ist eine klassische Pieta, die üblicherweise so konnotiert ist, dass eine Frau Jesus Christus hält. Ein andermal trage ich sie auf dem Rücken und sie blickt in Richtung Himmel, einmal sieht sie mich an. Und im Hintergrund explodiert - um 6 Uhr früh! - dieser Vulkan. Es geht mir dabei um die Intensität der weiblichen Energie.
APA: Wie kam das Werk, das nun auch das Plakatsujet ziert, zustande?
Abramovic: Es ist eine kleine Fotografie namens „Vladkka“. Das war eine lustige Geschichte: Ich bin Patentante dieses Mädchens und ihre Eltern haben sie mir einmal als Baby vorbeigebracht, um allein an den Strand zu gehen. Ich hatte selbst nie ein Baby und habe auch noch nie eines beaufsichtigt und ich fragte sie, was ich tun soll. Sie sagten, es ist ganz einfach: Wenn sie weint, fütterst du sie. Wenn sie immer noch weint, wechselst du die Windeln. Und wenn sie dann noch weint, ist sie müde. Dann legst du sie hin. Ich habe das alles den ganzen Tag gemacht und am Ende des Tages habe ich daraus ein Kunstwerk gemacht, weil schlussendlich bin ich Künstlerin. Ich nahm sie und kreierte das Bild einer Madonna, die das Kind trägt. Normalerweise ist es immer Jesus. Aber ich zeige ihre Vagina. Es symbolisiert dieses unglaubliche Maß von Kraft, eine Frau zu sein. Wir kreieren das Leben.
APA: Früher haben Sie oft betont, dass das Geschlecht für Ihre Arbeit keine Rolle spielt. Woher dieser Wandel?
Abramovic: In meiner frühen Arbeit habe ich nie gedacht, dass Kunst ein Geschlecht hat. Kunst ist für mich Kunst. Egal, wer sie macht - ob männlich oder weiblich, lesbisch oder schwul, afroamerikanisch oder nicht. Es gab nur zwei Kategorien: gute Kunst und schlechte Kunst. Ich habe immer gesagt, dass ich weiblich und Künstlerin bin, aber nicht weibliche Künstlerin. Jetzt, wo ich älter bin, reflektiere ich anders auf die Weiblichkeit. Ich fühle die Stärke. Auch kehrt die Weiblichkeit gerade stark in die Welt zurück. Der Dalai Lama hat etwa gesagt: Wenn er reinkarniert, will er als Frau wiederkommen. Da muss etwas in der Luft sein. Männliche Energie zerstört so viel. Weibliche Energie dreht sich um Fürsorglichkeit, um das Bewahren. Es geht darum sicherzustellen, dass wir in Zukunft noch leben.
APA: Kürzlich eröffnete in Bonn Ihre Retrospektive „The Cleaner“. Wenn Sie zurück auf Ihr Werk blicken - gibt es Dinge, die Sie aus jetziger Sicht besser nicht gemacht hätten?
Abramovic: Ich schaue nie zurück, die Vergangenheit interessiert mich nicht. Die Dinge sind aus bestimmten Gründen geschehen. Auch die Fehler. Und jeder Fehler bringt einen neuen Aspekt in meine Arbeit. Jemand sagte: Erfolg zu haben heißt, bereit zu sein, viele Fehler zu machen und dabei den Enthusiasmus beizubehalten, das Nächste zu machen. Es ist eine Reise in unbekanntes Territorium. Wenn man nur Dinge macht, die man kennt, wiederholt man sich. Und ich hasse es, mich zu wiederholen.
APA: Einige Ihrer Performances werden nun von anderen Künstlern re-performt. Was macht das mit der Einzigartigkeit Ihres Werks?
Abramovic: Ich wurde viel dafür kritisiert, meine Performances für andere zu öffnen. Aber das kam aus einem Ärgernis heraus: Ich habe gesehen, dass viele Künstler meine Arbeiten wiederholt haben, ohne mich um Erlaubnis zu fragen oder sie gar für ihre eigenen ausgegeben haben. Das reicht bis hin zu Mode, MTV und Design - das war so respektlos. Also habe ich beschlossen, im Guggenheim Museum selbst „Seven Easy Pieces“ zu machen, in denen ich Werke anderer Künstler, die ich nie getroffen habe, wiederholt habe. Etwa von VALIE EXPORT, Joseph Beuys, Bruce Nauman oder Vito Acconci. Ich habe die Künstler (oder deren Nachlassverwalter) um Erlaubnis gebeten und für die Rechte gezahlt. Ich habe ihre Arbeiten studiert und meine eigene Version davon geschaffen. Das ist die einzige Art, wie du so etwas machen kannst.
Selbst wenn du aus Bach „Techno-Bach“ machst, musst du dich um die Rechte kümmern. Deshalb wollte ich ein Exempel statuieren, wie man das macht. Danach habe ich meine Performances geöffnet und sie jungen Künstlern beigebracht. Es gibt dabei strenge Auflagen. Wir suchen uns junge Leute mit Charisma aus, die das machen können. Denn meine Kunst lebt nur weiter, wenn sie performt wird.
APA: Weil Sie VALIE EXPORT erwähnen. Wie sehr haben etwa die Wiener Aktionisten wie Günter Brus oder Hermann Nitsch Ihre Arbeit beeinflusst?
Abramovic: Ich denke nicht, dass ich von ihnen beeinflusst wurde. Erstens, weil ich meine Kunst aus mir selbst heraus entwickelt habe, und zweitens, weil Einfluss Second-Hand ist. Ich gehe lieber zur Quelle: zu mir selbst und meiner Natur. Ich finde Brus und Schwarzkogler und VALIE EXPORT wunderbar, aber meine Kunst kam zur gleichen Zeit unter ganz anderen Umständen zustande: im Kommunismus in Jugoslawien mit all den Einschränkungen der Freiheit. In Wien waren die Umstände aus sozialer und politischer Sicht andere. Also ist es eine andere Art von Kunst.
APA: Sie werden heute Abend mit dem „GlobArt Award“ für Ihr Lebenswerk geehrt. Was ist für Sie persönlich Ihre größte Errungenschaft?
Abramovic: Ich fühle mich sehr geehrt, diesen Preis zu bekommen. Rückblickend gesehen war es mein größter Erfolg, sehr junge Menschen zu meinen Arbeiten zu bringen. Ich frage bei Vorträgen immer, wer am Jüngsten ist. Einige Zuhörer sind oft erst 12 oder 13 Jahre alt. Der Jüngste war acht. Er war noch ein Kind, aber er hat sich dafür interessiert, was ich mache. Wenn junge Menschen kommen, zeigt das, dass meine Arbeit noch am Leben ist und Zukunft hat. Wenn ich Ausstellungen habe und nur meine Generation ins Museum kommt, läuft etwas falsch mit mir. Die kommen nur aus Eifersucht oder weil ich krank bin. Sie sind - aus meiner Erfahrung - oft kritisch oder böse. Jungen Menschen kann ich so viel von meiner Erfahrung weitergeben. Aber sie geben mir noch etwas viel Wertvolleres zurück: Ein Gefühl für die Zeit, in der wir leben. Und das ist ein guter Tausch.
(S E R V I C E - Ausstellung: „Marina Abramovic - Two Hearts“ in der Galerie Krinzinger, 27. April bis 9. Juni, Eröffnung am 26. April, 19 Uhr. Infos unter www.galerie-krinzinger.at)
(Das Video wird morgen, Donnerstag, versendet.)
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