Crossing Europe - Die „Retropie“ der Münchner Germanen

Linz/München (APA) - Während eine gleichnamige Burschenschaft in Österreich mit der Liederbuchaffäre für politischen Wirbel sorgt, stellt de...

Linz/München (APA) - Während eine gleichnamige Burschenschaft in Österreich mit der Liederbuchaffäre für politischen Wirbel sorgt, stellt der Film „Germania“ die schlagende Studentenverbindung Corps Germania in München in den Fokus. Regisseur Lion Bischof begleitete sie ca. zwei Monate mit der Kamera. Motivation: „Mich hat die Retropie interessiert“ - eine Wortschöpfung für das Gegenteil der vorwärtsgewandten Utopie.

Der Film, der am Freitag beim Festival Crossing Europe in Linz zu sehen ist, war Lion Bischofs Abschlussarbeit an der Filmhochschule in München. Er wollte der Frage nachgehen: „Wieso interessieren sich junge Menschen für etwas, das so gar nicht für offene Kultur oder ein liberales Weltbild steht?“, schilderte er im Gespräch mit der APA seinen Ansatz. Ihn reizte der Mikrokosmos des Männerbundes, den er als „Zeitkapsel, in der Regeln und Bedingungen Gültigkeit haben, die aus einer anderen Zeit kommen“, empfand.

„Zugang zu dieser Welt ist fast unmöglich“, beschreibt der Regisseur seine ersten Versuche, mit der Szene in Kontakt zu kommen. Es habe sehr lange gedauert, bis ihm überhaupt eine Verbindung auf seine Anfrage geantwortet hat. Bei der Germania in München hat es dann geklappt. Bevor er wirklich filmen durfte, gab es aber einen fast einjährigen Vertrauensaufbau.

Die Kamera begleitet die Mitglieder bei ihren Aktivitäten. Vieles scheint banal, wirkt eher kindlich-pubertär als studentisch - etwa, wenn mit großer Ernsthaftigkeit Besprechungen über die Organisation einer Kneipe (Trink-Veranstaltung, Anm.) abgehalten und protokolliert werden, wenn die Füchse (Mitglieder in der Probezeit) die Farben anderer Verbindungen auswendig lernen müssen oder das ständige Festhalten an einem Bierglas offenbar das Erwachsensein unterstreichen soll.

Anderes erscheint aus der Zeit gefallen wie das Absingen von Liedern und Ausbringen von Trinksprüchen bei Veranstaltungen im Wichs oder die Mensuren in archaischer Schutzkleidung. Hat man diese Mutprobe bestanden, kann man alles schaffen, so der Tenor der Verbindungsmitglieder. Im Film zu sehen ist aber lediglich das Training samt einiger nicht allzu sportlich anmutender Aufwärmübungen.

Der Schwerpunkt liege darauf, einander bei Wohnungs- oder Jobsuche zu unterstützen, zu netzwerken, soweit die Eigendarstellung der Burschen. Man sieht sich als Lebensschule, wohl traditionell, konservativ, national, aber nicht rechtsextrem. Dennoch gibt es immer wieder irritierende Momente, etwa wenn das von SS als „Treuelied“ übernommene Lied „Wenn alle untreu werden“ abgesungen wird - das allerdings auch ein altes Studentenlied ist, wie zur Verteidigung immer wieder vorgebracht wird.

Lion Bischof sieht durch die Kamera einfach zu und kommentiert das Gesehene nicht - zumindest nicht verbal. Seine Kommentarebene ist die Musik. Für diese zeichnet der deutschen Jazzmusiker Matthias Lindermayr verantwortlich. Sie unterstreicht mit wohldosierten Dissonanzen das Gefühl, im falschen Film zu sein. „Das soll sich schon reiben“, beschreibt der Regisseur die Klänge, für die er und Lindermayr mit dem Max Ophüls Preis 2018 für die beste Musik in einem Dokumentarfilm ausgezeichnet wurden.

Auflagen seitens des Corps gab es übrigens nicht. Dennoch: „An manchen Stellen haben sie geschluckt“, sagte Bischof.