Wiener Festwochen - Gisele Vienne möchte „Zweifel säen“

Wien (APA) - Gisele Vienne - das klingt wie ein Künstlername. Ist er aber nicht. Die 1976 in Frankreich geborene Regisseurin und Choreografi...

Wien (APA) - Gisele Vienne - das klingt wie ein Künstlername. Ist er aber nicht. Die 1976 in Frankreich geborene Regisseurin und Choreografin, die deutsch mit charmantem französischen Akzent spricht, hat eine in Saalfelden geborene Mutter. Die Tradition Salzburger Perchtenläufe hatte sie in ihrer Produktion „Kindertotenlieder“ eingebaut. „Crowd“ spiegelt nun ihre Erfahrungen in der Berliner Rave-Szene wider.

Mit der Produktion „Crowd“, die im November in Straßburg Premiere hatte, gastiert Vienne erstmals bei den Wiener Festwochen. Doch die Arbeiten der Austro-Französin sind hierzulande nicht unbekannt. Im neu gegründeten Tanzquartier Wien zeigte sie „Showroomdummies“ und „Stereotypie“, beim steirischen herbst war 2010 „This is how you will disappear“ zu sehen, beim Donaufestival waren 2011 die „Kindertotenlieder“ zu sehen, und bei den Salzburger Festspielen 2012 „This is how you will disappear“ sowie „Eternelle Idole“.

In Salzburg kam es allerdings zu einem kleinen Eklat: Nachdem Vienne, deren Arbeiten bei Publikum und Kritik damals eher auf Unverständnis stießen, den Young Directors Award zugesprochen erhielt, gab es von ihr ordentlich Kritiker-Schelte. „Ein Kritiker hatte damals das Wort ‚faul‘ verwendet“, erinnert sich Vienne im Gespräch mit der APA. „Man kann meine Arbeiten gut oder schlecht finden - kein Problem. Aber mir für etwas, an dem ich drei Jahre lang gearbeitet habe, Faulheit vorzuwerfen - das kann ich nicht akzeptieren.“

Ignoranz und Besserwisserei kann Gisele Vienne nicht leiden. „Ich finde es problematisch, wenn Zuschauer oder Kritiker so tun, als wüssten sie, was Theater ist. Ich möchte in meiner Arbeit Zweifel säen und Dinge infrage stellen. Und ich verlange auch von den Zuschauern, dass sie offen und neugierig sind.“ Mit ihrer Suche nach neuen Impulsen schließe sie an große Traditionen an: „Es gab immer Erneuerer des Theaters, man denke nur an Leute wie Oskar Schlemmer, Tadeusz Kantor, Antonin Artaud, Pina Bausch oder Edward Gordon Craig.“ Aber auch im diesjährigen Festwochen-Schwerpunkt des innovativen Theaters fühlt sie sich sehr gut aufgehoben. „Ich finde die Arbeit von Susanne Kennedy ganz toll. Das Transdisziplinäre war immer wichtig für die Bühnenkunst.“

In „Crowd“ beschäftigt sie sich mit Gewalt und Ekstase, Ritualen und der gesellschaftlichen Bedeutung von Kunst und Religion. Ausgangspunkt war eine zweijährige Beschäftigung mit Igor Strawinskys bei der Uraufführung 1913 Skandal machendem Ballett „Le sacre du printemps“. „Ich wollte aber an einem zeitgenössischen Fest arbeiten und habe schließlich das Beispiel einer Rave Party genommen.“ Anfang der 90er-Jahre habe sie in Berlin gelebt und auch Techno Partys und Clubs besucht. „Das ist Teil meiner eigenen kulturellen Erfahrungen - so wie der Salzburger Perchtenlauf“, lacht Vienne, die aber „jetzt nicht mehr Club-Profi ist“. Vom Musiker Peter Rehberg (ein häufiger Kollaborateur Viennes) hat sie sich eine Setlist zusammenstellen lassen, die von 1981 bis in die Mitte der 90er führt. „Der Abend hat daher etwas ebenso Dokumentarisches wie Anarchisches.“

Die Frage, ob die 15 jungen Tänzer, die sie auf die Bühne bringt, in der Jugendkultur gecastete Laien oder Profis seien, bringt Gisele Vienne zum Schmunzeln: „Das sind alles Super-Tänzer. Es ist ein sehr technisches Stück, bei dem alle Bewegungen streng choreografiert, aber im zeitlichen Ablauf verändert sind. Wir arbeiten dabei mit einer filmischen Schnitttechnik, zu der mich Martin Arnold inspiriert hat. Es sind irrsinnig viele Geschichten drinnen - so viele Details, dass man sie nie alle sieht. Wie in einem Bild.“

Ihre französische Compagnie DACM wird vom französischen Staat in einem Vierjahresvertrag pro Saison mit 150.000 Euro gefördert. Nicht viel, Kooperationspartner sind unerlässlich. „Wir kommen uns vor wie ein großer Mercedes mit viel zu kleinem Motor“, schmunzelt sie. Die französische Kulturministerin Francoise Nyssen sei zwar „eine sehr kluge Frau, aber eine Verlegerin, keine Politikerin“. „Überhaupt hätte man von Macron eine stärkere Kulturpolitik erwartet. Das ist aber leider nicht der Fall. Unter ihm geht die Kunst entweder in Richtung Unterhaltung oder in Richtung Pädagogik.“

Ihre eigene Ausbildung absolvierte Vienne an einem Institut mit dem klingenden Namen „Ecole nationale supérieure des arts de la marionnette“. Sind Puppen nach wie vor Bestandteil ihrer künstlerischen Arbeit? Touché! „Meine nächste Produktion mache ich mit zwei Schauspielern und 13 lebensgroßen Puppen: Händl Klaus hat Robert Walsers kleines Stück ‚Der Teich‘ aus dem Schweizerdeutschen übersetzt.“ Sehr gut möglich, dass „Der Teich“ bei den Wiener Festwochen 2019 zu sehen sein wird. Intendant Zierhofer-Kin hat jedenfalls die Aufnahme einer kontinuierlichen Arbeitsbeziehung mit Gisele Vienne angekündigt.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Gisele Vienne: „Crowd“, Konzept, Choreografie, Bühne: Gisele Vienne. Mix, Edits, Playlist: Peter Rehberg. Festwochen-Koproduktion in den Gösserhallen, Halle 1, Wien 10, Laxenburger Straße 2A, Vorstellungen am 31. Mai ,1. und 2. Juni, 20 Uhr, Publikumsgespräch am 2. Juni im Anschluss an die Vorstellung, www.g-v.fr; Karten: 01 / 589 22 11, www.festwochen.at)