Als Österreich den Everest eroberte
Vor 40 Jahren, am 3. Mai 1978, stand mit Robert Schauer der erste Österreicher auf dem Dach der Welt. Expeditionsleiter und ebenfalls auf dem Gipfel war der Tiroler Wolfgang Nairz.
Von Nikolaus Paumgartten
Innsbruck, Kathmandu – Am höchsten Punkt der Erde, dem Gipfel des Mount Everest, fallen sich vier Männer erschöpft und überglücklich in die Arme. Es ist der 3. Mai 1978 gegen 11.30 Uhr und die Gruppe hat soeben Alpingeschichte geschrieben. Robert Schauer, Horst Bergmann, Sherpa Ang Phu und Expeditionsleiter Wolfgang Nairz stehen auf dem Dach der Welt und blicken von 8848 Metern hinunter auf die Welt. Die erste österreichische Everest-Expedition hat ihr Ziel erreicht. „Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll – so tue ich beides zugleich“, erinnert sich Nairz zwei Tage später in einem Brief an seine Frau. Die vier nehmen die Sauerstoffmasken ab, blicken sich um, bestaunen die unglaubliche Weite der Landschaft. Nach eineinhalb Stunden – die Zeit vergeht wie im Flug – raffen sie sich auf, um den Rückweg anzutreten. Denn der Gipfelsieg ist am Mount Everest immer erst die halbe Miete. Jetzt gilt es, wieder heil ins Tal zu kommen. Und es gelingt.
Der Grundstein für die erfolgreiche Österreich-Expedition wurde bereits sechs Jahre zuvor gelegt. Denn während heute in der Everest-Saison Hunderte Genehmigungen erteilt werden, den Gipfel zu erklimmen, erlaubte damals die nepalesische Regierung gerade einmal eine Expedition für die Vor- und eine für die Nachmonsunzeit. Wolfgang Nairz suchte 1972 an und erhielt eine Genehmigung für das Frühjahr 1978. Eine bewährte Stammmannschaft aus befreundeten Tiroler Alpinisten hatte sich rasch gebildet – ergänzt durch Freunde aus der Steiermark und britische Fernsehleute.
Um die Gesamtkosten von rund 2,5 Millionen Schilling auf die Beine zu stellen, musste jeder der Teilnehmer einen Finanzierungsbeitrag von 50.000 Schilling leisten. Sponsoring gab es zudem vom Österreichischen Alpenverein und den Ländern Tirol und Steiermark. Doch das reichte nicht aus, um die Expedition auszufinanzieren. „Der bekannte Künstler Paul Flora hat uns dann eine signierte kolorierte Lithografie in einer Auflage von 500 Stück zur Verfügung gestellt“, erinnert sich Wolfgang Nairz 40 Jahre danach. Damit, mit Medienvereinbarungen und mit einer Grußkartenaktion, bei der signierte Karten aus dem Basislager verschickt werden sollten, konnte die Reisekasse so weit gefüllt werden, dass das Unternehmen angegangen werden konnte.
Die Expedition 1978
Die Teilnehmer: Expeditionsleiter Wolfgang Nairz, Reinhold Messner, Peter Habeler, Robert Schauer, Oswald Oelz, Raimund Margreiter, Horst Bergmann, Hanns Schell, Josef Knoll, Helmut Hagner, Franz Oppurg, Reinhard Karl, Leo Dickinson und Eric Jones.
3. Mai: Robert Schauer ist der erste Österreicher auf dem Gipfel des Mount Everest, Wolfgang Nairz der erste Leiter einer Expedition auf dem Gipfel. Kameramann Horst Bergmann dreht den ersten 16-mm-Film auf dem Gipfel.
8. Mai: Reinhold Messner und Peter Habeler erreichen als erste Menschen ohne künstlichen Sauerstoff das Dach der Welt.
11. Mai: Reinhard Karl erreicht als erster Deutscher den Gipfel.
13. Mai: Franz Oppurg gelingt der erste Solo-Aufstieg zum Gipfel.
Der Versuch, den Mount Everest Ende der 1970er-Jahre zu besteigen, ist mit heute nicht zu vergleichen. „Wir waren damals alleine im Basislager“, erzählt Nairz. „Inzwischen tummeln sich dort 1400 Leute, es gibt ein Internetcafé, einen Bäcker und sogar eine Sauna.“ Wer heute auf den Gipfel will, bekommt für sein Geld beheizte Zelte, unbegrenzten Sauerstoff, Träger und ein vorbereitetes Fixseil bis zum Gipfel. Damals mussten sich die Mitglieder der Expedition abwechselnd in mühevoller Arbeit Schritt für Schritt Richtung Gipfel vorarbeiten: Weg erkunden, Sicherungsarbeiten durchführen, Lasten tragen und schließlich Lager aufbauen.
Der Mai 1978 am Mount Everest und die von Nairz geleitete Expedition geht aber nicht nur wegen des ersten österreichischen Gipfelsieges in die Geschichtsbücher ein: Fünf Tage später erreichen der Südtiroler Reinhold Messner und der Zillertaler Peter Habeler den Gipfel des Everest ohne Zuhilfenahme von künstlichem Sauerstoff. Mit Reinhard Karl steht am 11. Mai der erste Deutsche auf dem Dach der Welt – er erreicht den Gipfel gemeinsam mit Oswald Oelz, einem der beiden Expeditionsärzte.
Dem zweiten Arzt der Gruppe, Raimund Margreiter, bleibt der Gipfelsieg verwehrt. Er muss zunächst aufgrund des schlechten Wetters passen und dann in höchster Not einen schwerverletzten Sherpa nach einem Spaltensturz operieren und rettet ihm damit das Leben. Dafür gelingt dem Tiroler Franz Oppurg am 14. Mai die erste Solo-Besteigung des höchsten Berges der Welt.
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