donaufestival: Wiegenlieder im Reich der Reizüberflutung

Krems (APA) - „Man soll sich nicht schrecken, man soll eintauchen.“ Mit diesen Worten lockte donaufestival-Leiter Thomas Edlinger das Publik...

Krems (APA) - „Man soll sich nicht schrecken, man soll eintauchen.“ Mit diesen Worten lockte donaufestival-Leiter Thomas Edlinger das Publikum am Freitagnachmittag nicht nur in die Kunsthalle Krems, wo heuer eine zentrale Installation des Veranstaltungsreigens zu sehen ist, sondern gab gewissermaßen das Motto für den ersten Abend vor. Sich einlassen, fallen lassen, tragen lassen lautete die Devise.

Dem diesjährigen Leitmotiv der „endlosen Gegenwart“, das Edlinger seiner zweiten Saison in der niederösterreichischen Stadt verpasst hat, begegnete man in mehrfacher und höchst unterschiedlicher Weise. Allen voran ist dabei Marina Giotis „Polysomnogarden“ zu nennen, den die gebürtige Griechin im Forum Frohner aufgebaut hat. Ausgangspunkt sind ihre eigenen Schlafrhythmusdaten, die sie mittels Springbrunnen, Blättergebilde oder Fächerrechen in Bewegung und Klang umgesetzt hat. Das Endlose, es erscheint dem geduldigen Beobachter als sechseinhalbstündige Abfolge von Schlafphasen, die mal mehr, mal weniger Bewegung im Raum evozieren.

Nicht nur die Augen brauchen hier eine gewisse Zeit, um im Halbdunkel sämtliches Interieur zu bemerken, allen voran das von Coti K bereitgestellte Sounddesign wirkt wie ein kleines Rätsel für sich. Das heftige Schnaufen, das man von einem Sitznachbar zu vernehmen glaubt, stellt sich als Atemvorgang einer an der Wand befestigten Blätterkonstruktion heraus. Das Zucken der Augen, das Heben des menschlichen Brustkorbs, kurzes Aufschrecken: All das, was von uns selbst verborgen bleibt, lässt Gioti höchst eindrucksvoll in diesem so speziellen Ambiente nachvollziehbar werden. Ein meditatives Erlebnis für alle Sinne.

Das genaue Gegenstück zu dieser Entschleunigung, die sich noch das ganze Wochenende bewundern lässt, ist „Premise Place (edit 1)“ von Ryan Trecartin und Lizzie Fitch in der Kunsthalle. „Alles ist hier zu viel“, versuchte Edlinger das Überbordende dieser Installation knapp zusammenzufassen und traf damit den Nagel auf den Kopf. Zwei vollgestopfte Räume mit unterschiedlichsten Artefakten, Sitzgelegenheiten, Ramsch und Plunder, unzählige Bildschirme mit schnell und oft chaotisch geschnittenem Videomaterial, eine immer wieder in den Fokus rückende Protagonisten, die im digitalen Wahn unserer Tage das eigene Ich aus den Augen verliert - es ist schon eine Herausforderung, all dem zufolgen und sich seinen Reim darauf zu machen.

Mal grell und laut, dann langsam verhallend, zeigte sich auch das musikalische Programm an diesem Abend: Zunächst durfte der Engländer Calum MacRae alias Lanark Artefax die Minoritenkirche in seinen höchst persönlichen Spielplatz verwandeln und kreuzte durchaus tanzbare Electro-Sounds mit wummernden Bässen, immer wieder der Geradlinigkeiten entschwindenden Beats und vor allem einer pulsierenden Lichtskulptur, die all das sehr zwingend ins Visuelle übersetzte. Deutlich reduzierter gab sich im Anschluss die US-Amerikanerin Liz Harris. Als Grouper hat sie just am gestrigen Freitag ihr neues Album „Grid of Points“ veröffentlicht. Live ließ sie ihre sonst oft knappen Songs zäh mäandern und bediente sich dabei allerlei Loops und vorgefertigter Samples. So kann man Folk im 21. Jahrhundert wohl auch deuten, wenngleich ein Teil ihrer Energie in diesen Zwischenräumen verpuffte.

Ein Wiedersehen gab es nach drei Jahren mit dem kanadischen Kollektiv Godspeed You! Black Emperor. Im Unterschied zum bis dato letzten Auftritt in Krems, servierte man diesmal des Öfteren einen Kopfnicker-Groove, scheute auch Melodieseligkeit nicht und wusste mit einer Reduktion auf das Wesentliche durchaus zu überzeugen. Efrim Menuck und Konsorten sind zwar definitiv eine Institution des Postrock, tun sich mittlerweile aber naturgemäß schwer damit, für Überraschungen zu sorgen. Stattdessen bekam man oft über 15 Minuten lange Songs, die sich unweigerlich ihren Weg in die Gehörgänge bahnten.

Und so lag es an Lukas König, Julien Desprez und Audrey Chen, mit einer Live-Premiere die Kinnladen nach unten fallen zu lassen. MOPCUT nennt sich das Trio, das an der Grenze zwischen Musik und Lärm entlangtänzelte. Chen wirkte dabei als Gravitationszentrum, ließ ihre Stimme eine Kapriole nach der anderen schlagen, während Desprez seine Gitarre beinahe schon mehr mit der Faust als den einzelnen Fingern malträtierte. Und König, der offenbar in jedem Genre zuhause ist, war am Schlagzeug der so dringend benötigte Unruheherd, der dieses Klangungetüm nach vorne trieb. Eine intensive Angelegenheit, die man hoffentlich noch öfter zu hören bekommt. Selbes gilt natürlich auch für Laurel Halo, der im Stadtsaal dann wieder der Brückenschlag zum Schlafgarten Giotis gelang: Die Electronic-Musikerin versteht sich zwar ebenso gut auf Lärm, war an diesem Abend aber überraschend zahm unterwegs. Aber auch im Reich der Reizüberflutung braucht es das ein oder andere Wiegenlied.

(S E R V I C E - www.donaufestival.at)

(B I L D A V I S O – Pressebilder stehen unter https://www.donaufestival.at/de/presse/presse-1 zum Download bereit.)