„Wir waren für viele ein rotes Tuch“
Der Osttiroler Kulturverein Ummi Gummi wird heuer 40 Jahre alt. Die Begeisterung ist unvermindert, einstiger Widerstand gegen den „Bürgerschreck“ längst verflogen. Zum Jubiläum spielt „Manfred Mann’s Earth Band“ auf.
Von Claudia Funder
Lienz –Er ist der stärkste Osttiroler Kulturverein. Mit seinem vielseitigen Programm hat sich Ummi Gummi weit über die Grenzen einen Ruf erworben. Der Zulauf war stets enorm. Präsentiertes schmeckte aber nicht allen. Dieser anfänglichen Ablehnung bot man jedoch mit Qualität und Beharrlichkeit erfolgreich die Stirn.
Man schrieb den Juli 1978, als die konstituierende Sitzung des Vereins im Dolomitenhotel stattfand, mit 70 Teilnehmern. „Mastermind“ Hans Mutschlechner, damals kurz nach Absolvierung der Pädak frischgebackener Lehrer, erinnert sich: „Meine Freunde und ich fanden ein kulturelles Vakuum vor. Wir wollten eigentlich nur für uns Möglichkeiten der Freizeitgestaltung suchen.“ Bereits vor der Vereinsgründung waren beim Kreuzwirt Festln veranstaltet worden. Mutschlechner: „Die Leute haben uns die Tür eingerannt, der Bedarf war groß.“ Bands aus den eigenen Reihen spielten, Theater und Lesungen standen am Programm.
Die ersten Veranstaltungen nach Vereinsgründung waren ein Kinderfest auf dem Hauptplatz im August und ein Freejazz-Konzert mit Hans Koller im Oktober. „Wir wussten nicht, wohin die Reise geht.“
Mit dem schrägen Vereinsnamen – einer Erfindung des Musikers und Moderators Eberhard Forcher – eckte man zu Beginn an. „Ummi Gummi ist eine reine Lautmalerei, die sich im Gehör festsetzt“, erklärt Mutschlechner. „Wir wollten das Interesse wecken und mit der Frage, was das wohl bedeutet, provozieren.“
Es war aber nicht nur der Name, der belächelt wurde, da er für Irritation sorgte, sondern der gesamte Verein. Im ersten Vereinslokal in der Nußdorfer Straße trafen sich anfangs täglich 100 Leute. Mutschlechner: „Wir hatten jeden Abend die Hütte voll.“ Die Machenschaften der jungen Truppe waren aber vielen in der Gesellschaft suspekt, obwohl sie bloß alternative Segmente abdecken wollte, die nicht geboten wurden. „Wir waren für viele ein rotes Tuch. Die Auseinandersetzungen mit der Politik waren aber auch Triebfeder. Sie haben uns befeuert und beflügelt.“
Endgültig bekannt gemacht haben den Verein dann der Auftritt der legendär-chaotischen Formation Drahdiwaberl – in Lienz fand das erste Konzert ohne Falco statt – und das Aufklärungsstück „Was heißt hier Liebe?“ der Roten Grütze Berlin. Da war für die Kritiker das Maß endgültig voll. Es wurde zum Schutz der Jugend und zum Rosenkranzbeten aufgerufen. „Und es gab ein saftiges Rauschen im Blätterwald“, erinnert sich Mutschlechner. Eine bessere Werbung für Ummi Gummi hätte es freilich nicht geben können. Spätestens jetzt war man in aller Munde. Und die Vereinsmitglieder ließen sich ohnehin nicht bremsen und machten unbeirrt weiter.
In den 80er-Jahren wurde viel Jazz und Reggae geboten. „Die Künstler übernachteten zu Beginn noch bei uns daheim“, lacht Mutschlechner. Und über Lesungen erreichte man bald ein zusätzliches Publikumssegment. Es folgten die großen Hauptplatzkonzerte, die mit internationalen Größen zu Besuchermagneten mutierten, „ohne finanziell absicherndes Netz“, erzählt Mutschlechner. 1992 gelang mit dem Straßentheater, das später „Olala“ genannt wurde und längst jährlich Zehntausende nach Lienz lockt, ein weiterer ganz großer Wurf.
Rückblickend ist es unglaublich, wen der Kulturverein alles nach Osttirol lotste. Ein nur kleiner Auszug aus der langen Liste: Sting, Joe Cocker, Santana, Jethro Tull, Joe Zawinul und Dave Brubeck, die Literaten H.C. Artmann, Wolfgang Bauer, Erich Fried, Peter Turrini und Helmut Qualtinger sowie eine Riege der bekanntesten Kabarettisten. Über 100 Lokalitäten hat man bespielt.
Manche Künstler machten erst nach ihrem Osttirol-Auftritt von sich reden. Die bekannte Berliner Band Die Ärzte etwa spielte in Lienz vor 56 zahlenden Zuschauern - und wurde erst danach groß.
Zum 40-Jahr-Jubiläum bringt Ummi Gummi die Kultformation Manfred Mann’s Earth Band nach Osttirol. Das Konzert findet am 14. Juli um 21 Uhr am Stadl-Areal in Nußdorf-Debant statt.
Hörten Ummi-Gummi-Mitglieder einst unter anderem ein abschätziges „Buam, was wollts denn? An Plattenspieler?“, ist der Verein heute aus der Kulturszene nicht mehr wegzudenken. Er überrascht und bereichert unvermindert, macht Lienz lebenswert.
Mutschlechner schwärmt von besonderen Künstlerbegegnungen, die Anekdoten könnten ein Buch füllen: „Ummi Gummi ist Teil meiner Lebensgeschichte. Es hat aber immer die Gruppe gebraucht.“ Viele haben Impulse erhalten, sind herausgewachsen und haben ihr Glück in der Profession als Musiker, Autor oder Maskenbildner gefunden.
„Ein Geschäft ist es nie gewesen“, verrät Hans Mutschlechner. Der Preis für das Engagement war immer ein hoher. „Aber“, ergänzt er, „wir haben etwas geschaffen, das wir nie zu träumen gewagt hätten.“
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