Putin erlaubt kritische Gespräche nur für ausländische Medien

Das ORF-Interview mit Wladimir Putin verdeutlicht die Medienstrategie des russischen Präsidenten. Kritische Interviews gibt es nur in ausländischen Medien – und auch dort versucht der Kreml, durch die Auswahl des Gegenübers Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Russlands Präsident Wladimir Putin im ORF-Interview.
© ORF

Von Herwig G. Höller/APA

Moskau/Wien – Seit Jahren haben unabhängige Medien in Russland nur geringe Chancen, vollwertige Interviews mit Wladimir Putin zu führen. Der russische Präsident präferiert Gespräche mit servilen Vertretern Kreml-kontrollierter Staatsmedien sowie mit loyalen Dokumentarfilmern. Sporadische Gelegenheiten für ausländische Medien ergeben sich zudem vor wichtigen Auslandsreisen Putins.

Die Auswahl der Gesprächspartnern bei den letzten großen Interviews des russischen Präsidenten illustriert die Medienpolitik des Kreml: Kurz vor seiner Wiederwahl zum Präsidenten sprach Putin ausführlich mit den Fernsehmoderatoren Andrej Kondraschow und Wladimir Solowjow, die beide für die staatliche Medienholding WGTRK tätig sind.

Kondraschow hatte Putin über das russisch-orthodoxe Kloster Walaam interviewt und den russischen Präsidenten lange über die zunehmende Bedeutung von Religion für Russland erzählen lassen. Wenige Tage nach Ausstrahlung dieses Fernsehfilms auf „Rossija-1“ im Jänner 2018 wurde Kondraschow zum Leiter der Pressestelle von Putins Wahlkampfteam ernannt, nach der Wiederwahl Putins stieg er zum Vizedirektor von WGTRK auf.

Wohlwollende Interviews im Staatsfernsehen

Wladimir Solowjow, der als einer der wichtigsten Kreml-Propagandisten im Staatsfernsehen gilt, hatte Putin seinerseits zu geopolitischen Fragen interviewt und dem Präsidenten viel Raum zur Selbstdarstellung eingeräumt. Da eine Ausstrahlung dieses Interviews kurz vor den Präsidentschaftswahlen im Staatsfernsehen womöglich gegen die Wahlgesetzgebung verstoßen hätte, veröffentlichten die Fernsehverantwortlichen diese Sendung wenige Tage vor den Wahlen in sozialen Netzwerken im Internet.

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In mehr oder minder unabhängigen Medien Russlands, etwa in den Tageszeitungen Wedomosti, Kommersant oder RBK, dem Radiosender Echo Moskwy oder dem Fernsehsender Doschd fanden sich indes in den letzten Jahren praktisch keine Interviews mit dem russischen Präsidenten. Kritische Fragen können lediglich sporadisch und in größeren Runden gestellt werden. Auffällig ist aber auch hier eine offensichtliche Beißhemmung vieler russischer Journalisten, die sich andernfalls berechtigte Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen müssten.

Viel Zeit nahm sich Putin zuletzt aber auch für ausländische Dokumentarfilmer. Einen guten Draht entwickelte er zum Deutschen Hubert Seipel, der Putin 2011 und 2012 mehrere Monate für den eher freundlichen Dokumentarfilm „Ich Putin - ein Porträt“ begleiten durfte. Stundenlang sprach Putin aber auch mit dem US-amerikanischen Regisseur Oliver Stone, der durch seine kritische Haltung gegenüber der US-amerikanischen Regierung bekannt ist und wie viele westliche Linke Sympathien für den russischen Präsidenten hegt. Im Kreml war man über Stones „The Putin Interviews“ sichtlich begeistert: Sie wurden 2017 im russischen Staatsfernsehen gesendet, eine Wiederausstrahlung kurz vor den russischen Wahlen 2018 wurde erst nach Oppositionskritik abgesetzt.

Putin vermeidet Russland-Experten als Gesprächspartner

Immer wieder – wie auch nun im Fall mit Armin Wolfs ORF-Interview – dürfen vor Auslandsreisen Putins aber auch ausländische Starjournalisten kritische Fragen stellen. Auffällig dabei ist, dass zuletzt praktisch nur Journalisten ohne Russischkenntnisse zum Zug kamen. Das Kalkül dahinter scheint zu sein: Interviewer, die nicht auf Russland spezialisiert sind und viele russische Quellen und Dokumente zwangsläufig nicht gelesen haben, könnten vielen ausflüchtigen Repliken des russischen Präsidenten nur bedingt etwas entgegensetzen.

Armin Wolf ist sich dieses Umstandes übrigens durchaus bewusst. Dass er als „Anchor“ zum Gespräch mit Putin nach Moskau eingeladen wurde, habe auch etwas damit zu tun, dass er kein Russisch könne, sagte er am Montag in der ORF-Sendung „Mittag in Österreich“. Das Gespräch werde dann übersetzt, was es „für Herrn Putin leichter macht, das Gespräch zu kontrollieren.“ Außerdem würden sich eingeflogene Journalisten „im Regelfall nicht so gut in der russischen Innenpolitik“ auskennen wie „jemand, der seit Jahren dort Korrespondent ist“.


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