Zwölf Stunden oder flexibel: Arbeitszeit im Praxistest
Wie die Diskussion um flexiblere Arbeitszeiten im Baucontainer, im Hotel und an der Werkbank ankommt: Viele Freunde hat der Zwölf-Stunden-Arbeitstag nicht, die Flexibilisierung der Arbeitszeit schon eher.
Von Anita Heubacher
Innsbruck –In Österreich tobt der Klassenkampf. Die Arbeitgeberseite und die Industriellenvereinigung loben die schöne neue Arbeitswelt, die durch flexiblere Arbeitszeiten entstehen würde. Wie sich das die Wirtschaftskammer ausmalt, hat sie in einem Spot gezeigt und danebengegriffen. Statt Begeisterung löste das Kurzvideo Verärgerung aus. Die Kampagne wurde gestoppt.
Von Lohnraum und anderen Grausligkeiten spricht die Arbeitnehmerseite. Kampfmaßnahmen werden angedroht. Gewerkschaft und Arbeiterkammer überlegen, auf die Straße zu gehen. Etwas, das in Österreich im Vergleich zu anderen EU-Ländern so gut wie nie vorkommt und einer funktionierenden Sozialpartnerschaft zugeschrieben wird. Die Sozialpartnerschaft ist aus dem Gleichgewicht geraten. Die roten und in Tirol und Vorarlberg schwarzen Arbeiterkammern und die Gewerkschaften gegen die schwarze Wirtschaftskammer und die Industriellenvereinigung – dieses Duell wird seit Monaten ausgetragen und hat sich durch die geplante Fusionierung der Sozialversicherungsträger und, allem voran, durch die Diskussion um die Ausweitung der Arbeitszeiten zugespitzt. Die Aufregung in der Sozialpartnerschaft als auch zwischen und innerhalb der Parteien ist groß.
Nach 9 Stunden Schluss
Im Baucontainer diskutieren vier Arbeiter die geplante Arbeitszeitflexibilisierung. Zwölf Stunden zu arbeiten, sei nicht unbedingt neu, meint der Polier. „Bisher war das aber eher ein Zugeständnis unsererseits an den Chef, künftig werden wir verpflichtet.“ Ob nun Freiwilligkeit im Gesetz stehe oder nicht, ist den Arbeitern einerlei. „Die Praxis ist entscheidend. Und allzu oft Nein sagen wird sich nicht spielen.“
„Zurückhaltend“ bei der Diskussion um die Arbeitszeitflexibilisierung gibt sich der Kufsteiner Bauunternehmer Anton Rieder. Für den Wirtschaftskämmerer ist das neue Gesetz keine Überlebensfrage. „95 Prozent der Bauwirtschaft kommen mit der derzeitigen Regelung gut aus.“ Das Gros seiner 140 Mitarbeiter hätte bereits jede zweite Woche eine Viertagewoche. Im Betrieb wird neun Stunden pro Tag gearbeitet. Die zusätzlich geleistete Stunde würde auf einem Zeitausgleichskonto samt Zuschlägen gutgeschrieben. Am Bau gelte die Jahresarbeitszeit, weil im Sommer mehr, im Winter weniger zu tun sei. Längere Durchrechnungszeiten würde sich Rieder wünschen. Zwölf Stunden will er niemanden arbeiten lassen. „Acht bis neun Stunden ist man produktiv, danach steigen Fehleranfälligkeit und Unfallgefahr.“
Die Praxis zeige, dass rund die Hälfte der Bauarbeiter die Normalarbeitszeit abarbeiten wolle, ein Viertel habe nichts dagegen, hin und wieder Überstunden zu leisten und ein Viertel, die „buggeln richtig, die tun gern arbeiten und wollen mehr Geld verdienen“.
Zwei Schichten à 8 Stunden
„Zwölf Stunden an der Maschine zu stehen, ist körperlich nicht machbar und auch zu gefährlich“, erklärt Betriebsrat Hubert Scheiber. Er ist das 40. Jahr beim Schleifwarenhersteller Tyrolit in Schwaz. Die geplanten Änderungen im Gesetz hält er für „praxisfremd“. Derzeit fahre man im Zweischichtbetrieb von fünf Uhr Früh bis 13.15 Uhr und von 13.15 bis 21.30 Uhr und leiste Akkordarbeit. „Falls Mehrarbeit nötig ist, arbeiten wir am Samstag. Nach acht Stunden steigt die Unfallgefahr, die Zahl der Krankenstände und die Fehleranfälligkeit.“
Dass die Ausdehnung auf zwölf Stunden bei Tyrolit kommt, glaubt Scheiber nicht. Und das obwohl der Tyrolit-Chef auch der Präsident der Industriellenvereinigung in Tirol, Christoph Swarovski, ist. „Wir haben ein gutes Einvernehmen und einen guten Kollektivvertrag“, sagt Scheiber. Nachtschichten und Leasingarbeiter gebe es bei Tyrolit nicht mehr. „Das braucht kein Mensch.“ Nachts zu arbeiten, gefährde die Gesundheit, Leasingarbeiter würden aufgrund der unterschiedlichen Entlohnung zu bösem Blut in der Firma führen.
Die momentane Diskussion hält der Betriebsrat für abträglich. „Das verschreckt vor allem die Jungen, die sich dann vielleicht gegen einen Lehrberuf entscheiden.“ Zusammen mit anderen Tiroler Betriebsräten kämpft Scheiber gegen die Neuregelung der Arbeitszeiten.
Ruhepausen werden kürzer
Die Hochzeitsfeier letzte Woche sei wieder einmal länger geworden, erzählt der Kellner in einem Hotel im Stubaital. Schon jetzt stehe er trotzdem wieder morgens am Frühstücksbuffet. „Das geht anders nicht.“ Dennoch hat er keine Freude damit, dass die Nachtruhe im neuen Gesetz von elf auf acht Stunden gekürzt werden soll. Die Mitarbeiter im Tourismus sind gewerkschaftlich schlecht organisiert. Ein Betriebsrat, der mit Namen nicht in der Zeitung stehen will, ließ sich nicht auftreiben.
„Positiv“ beurteilt Hotelier, Wirt und Spartenobmann in der Wirtschaftskammer Josef Hackl die geplante Neuregelung. Ganzjahresbetriebe würden mit der derzeitigen Regelung über die Runden kommen, aber die Ausflugsgastronomie und die Saisonbetriebe nicht. Vor allem die Ruhezeiten seien in der Ferienhotellerie ein Problem, sagt Hackl. „Der Gast geht heute nach dem Skifahren ins Spa und kommt erst spät zum Abendessen. Bei elf Stunden Nachtruhe dürfte der Kellner nicht das Frühstück servieren.“ Aufgrund des Fachkräftemangels im Tourismus sei auszuschließen, „dass heute noch irgendetwas ohne Einverständnis der Mitarbeiter geht“.
Hackl hat einen Ganzjahresbetrieb mit einer Fünf-Tage-Woche. „Mehr als 40 plus acht Stunden fallen bei uns höchstens im Dezember während des Christkindlmarkts an.“ Das lasse sich bereits jetzt regeln.
Deutschland: 10 Stunden
Für die Flexibilisierung und Ausweitung der Arbeitszeiten argumentiert die wirtschaftsliberale Denkfabrik Agenda Austria. Sie spricht von einer längst fälligen Modernisierung. Warum das wirtschaftlich erfolgreiche Deutschland dann mit einer maximalen Arbeitszeit von zehn Stunden auskommt, erklärt Wolfgang Nagl so: Deutschland habe ein anderes Arbeitszeitmodell und reagiere mit Arbeitszeitkonten flexibler auf Auftragsspitzen. „Ich glaube, wenn Österreich auf zwölf Stunden erhöht, haben wir gegenüber Deutschland einen Wettbewerbsvorteil.“
Im europäischen Vergleich ist die Maximalarbeitszeit in Großbritannien, Schweden, Irland und Dänemark mit 13 Stunden am längsten. „Das heißt aber nicht, dass dort auch am meisten gearbeitet wird“, sagt Nagl. So lägen die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden beispielsweise in Schweden weit unter der 13-Stunden-Marke. Laut dem Statistik-Portal statista lag 2016 die Wochenarbeitszeit bei Vollbeschäftigung in der EU in Griechenland bei 44,6, in Österreich und Großbritannien bei 42,8 Wochenstunden. Die Schweden bringen es auf 40,7 Stunden. Nagl glaubt nicht, dass die Diskussion den Fachkräftemangel verschlimmern könnte, weil potenzielle Mitarbeiter abgeschreckt werden könnten. „Betriebe können durch das neue Gesetz länger arbeiten lassen. Ausgebeutet wird in der Regel in Österreich nicht.“
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