„Glorreiche Ketzereien“: Romandebüt über die hässliche Seite Irlands

Wien (APA) - Hochkreuze, romantische Landschaften, musizierende Menschen - so kennen Urlauber die grüne Insel. Lisa McInerney zeigt in ihrem...

Wien (APA) - Hochkreuze, romantische Landschaften, musizierende Menschen - so kennen Urlauber die grüne Insel. Lisa McInerney zeigt in ihrem Romandebüt „Glorreiche Ketzereien“ ein anderes, hässlicheres Irland. Die ehemalige Bloggerin erzählt in einer Mischung aus Drama, Komödie, Gesellschaftskritik und Coming-of-Age von durch Gewalt, Drogen und Bigotterie zerrüttelten Familien. Die Abrechnung fällt böse aus.

Nicht die bezaubernden Gegenden aus den Reiseführern, sondern die von sozialen Randschichten bewohnten Viertel von Cork, Irlands zweitgrößter Stadt, sind Schauplätze der Geschichte. Der Schüler Ryan wächst mit seinen fünf Geschwistern ohne Mutter auf, sein überforderter, saufender Vater Tony setzt auf Prügel und Erniedrigungen als Erziehungsmethoden. Der Sohn macht schnell Karriere als Kleindealer, dröhnt sich selbst permanent zu und wird mit 15 im Vollrausch von der alleinerziehenden zwielichtigen Nachbarin verführt. Ersteres schafft Konflikte mit der Polizei, letztes mit seinem Liebesleben.

Tony befindet sich ebenfalls in einer Abwärtsspirale, nachdem er seinem alten Freund Jimmy, einer lokalen Unterweltgröße, beim Verschwindenlassen einer Leiche geholfen hat. Denn Georgie, die in die Prostitution getriebene Freundin des Toten, beginnt unangenehmen Fragen zu stellen.

Mit viel Verve berichtet McInerney von „Glorreichen Ketzereien“, ihre Sprache ist kraftvoll und virtuos, manchmal allerdings etwas zu bemüht. Sympathisch wirkt keiner ihrer Protagonisten. Dennoch gelingt der Autorin das Kunststück, dass man Verständnis für deren Handeln aufbringt. Denn das Scheitern der Figuren wird elegant in einen sozialen Kontext verpackt, die Ausweglosigkeit scheint oft vorprogrammiert. Wie entwickelt sich ein seiner Mutter weggenommener Sohn, weil es im vom Katholizismus geprägten Irland als Schande galt, ledig ein Kind auf die Welt zu bringen? Und was wird aus der Mutter? So lauten etwa zwei aufgeworfene Fragen.

Doch nicht nur die Amtskirche, auch christliche Sekten, das Schulsystem und nicht zuletzt das Verhalten der Männer in einer männlich dominierten Gesellschaft bekommen in der literarischer Studie über Schuld, Sühne, Moral und Reue ihr Fett ab. McInerney arbeitet mit stilistischen Kniffen, verbindet gekonnt Poesie mit Groteske und Empathie. Sie erzählt ebenso zynisch wie einfühlsam, mal hart, mal düster, mal humorvoll. Dass der fulminante Anfangsschwung mit Fortdauer verloren geht und die Geschichte ein bisschen an Kraft verliert, stört da nicht groß.

(S E R V I C E - Lisa McInerney, „Glorreiche Ketzereien“, aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence, Verlag Liebeskind, 448 Seiten, 24,70 Euro)