Erster Prozess zu unter Franco gestohlenen Babys in Spanien begonnen
Madrid (APA/AFP/dpa) - In Spanien steht seit Dienstag erstmals ein früherer Arzt vor Gericht, der unter Diktator Francisco Franco am Diebsta...
Madrid (APA/AFP/dpa) - In Spanien steht seit Dienstag erstmals ein früherer Arzt vor Gericht, der unter Diktator Francisco Franco am Diebstahl von Babys beteiligt gewesen sein soll. Die Staatsanwaltschaft legt dem ehemaligen Gynäkologen Eduardo Vela Urkundenfälschung, Freiheitsberaubung und illegale Adoption zur Last und fordert elf Jahre Haft. Der 85-Jährige wies die Vorwürfe zum Prozessauftakt zurück.
Vela soll 1969 in einem Madrider Krankenhaus die Geburtsurkunde der Klägerin Ines Madrigal gefälscht und ihre Adoptivmutter als ihre leibliche Mutter eingetragen haben. Madrigal sagte vor Gericht, sie sei „am Boden zerstört“ gewesen, als sie herausgefunden habe, dass sie ihrer Mutter weggenommen worden sei.
Vela wurde vor dem Gerichtsgebäude von dutzenden Demonstranten empfangen, die auf Plakaten „Gerechtigkeit“ und „Menschenrechte für gestohlene Babys“ forderten.
Der Arzt war bereits 1982 kurz von der Polizei befragt worden, nachdem eine Zeitschrift Interviews mit Frauen veröffentlicht hatte, die einen Diebstahl ihrer Babys nach der Geburt im San-Ramon-Krankenhaus in Madrid vermuteten. Die Ermittlungen waren zunächst aber ohne Folgen geblieben. Nach dem Jahr 2000 waren dann weitere Fälle gestohlener Babys bekannt geworden.
2013 hatte Vela vor einem Ermittlungsrichter ausgesagt, dass er als Klinikchef häufig Papiere unterzeichnet habe, ohne diese vorher zu lesen. Vor Gericht sagte er am Dienstag, dass er sich an fast nichts erinnern könne. Er bestritt zudem, Madrigals Geburtsurkunde unterzeichnet zu haben. „Das ist nicht meine“, sagte er, als ihm die Unterschrift unter dem Dokument gezeigt wurde. „Ich erinnere mich nicht.“
Historiker und Aktivisten gehen davon aus, dass während der faschistischen Herrschaft Francos (1939-1975) Zehntausende Babys ihren leiblichen Eltern weggenommen wurden. Unter Franco war es ab 1940 erlaubt, Eltern aus ideologischen oder moralischen Gründen ihre Kinder wegzunehmen. Ab den 50er-Jahren sollen dann auch Neugeborene unverheirateter oder armer Eltern in Geburtskliniken den Müttern weggenommen und an kinderlose Familien weitervermittelt worden sein.
Madrigal geht nach eigenen Angaben nicht davon aus, dass der Arzt in dem Prozess ihre Fragen zu ihrer Herkunft beantworten oder gar um Entschuldigung bitten wird. Die 49-jährige Eisenbahnerin hofft vielmehr auf ein Umdenken der Justiz und die strafrechtliche Verfolgung anderer Fälle gestohlener Babys.
„Eine Mutter kann ihr Kind nie vergessen“, sagte Madrigal vor dem Gerichtsgebäude. „Mütter wollen ihren Kindern sagen können, dass sie sie nicht verlassen haben. Aber vor allem wollen sie wissen, dass es ihnen gut geht.“
Der spanischen Justiz liegen heute mehr als 2.000 Anzeigen vor. Nach Ermittlungen von Menschenrechtlern und Betroffenen setzte sich der organisierte Babyraub aufgrund des lukrativen Geschäfts in kleinerem Umfang bis Anfang der 1990er-Jahre fort.
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