Bezirk Kufstein

Junge Austro-Türken in Wörgl: Generation zwischen den Stühlen

Kayahan Kaya (Integrationsbeauftragter Wörgl): „Den türkisch-stämmigen Jugendlichen fehlen die Vorbilder.“
© Hrdina

Erdogans Türkei-Wahlsieg wurde auch in Wörgl mit Hupkonzert und Autokorso zelebriert. Eine Frage fehlender Integration?

Wörgl — Sie sind in Tirol geboren und aufgewachsen, haben hier ihren Lebensmittelpunkt und interessieren sich doch mehr für türkische Politik als für die hiesige. Jungen Austro-­Türken in Tirol fehlen die Identifikationsmöglichkeiten und Vorbilder, ist Wörgls Integrationsbeauftragter überzeugt. Kayahan Kaya immigrierte selbst vor Jahren nach Wörgl und ist der erste türkischstämmige Gemeinderat der Stadt. Für die lautstarke Aktion am Sonntag hat er wenig Verständnis.

Warum hat die Wahl für in Tirol lebende Türken eine so große Bedeutung?

Kayahan Kaya: Es ist legitim, dass Menschen mit türkischen Wurzeln die Politik in ihrem Herkunftsland verfolgen — viele haben dort noch Verwandte. Aber wenn der Lebensmittelpunkt hier ist, ist das eine klare Entscheidung. Dann muss ich mich auch mit den Herausforderungen in diesem Land beschäftigen. Ich finde es nicht in Ordnung, wenn in Österreich türkische Politik betrieben wird.

Unter den Feiernden waren viele Jugendliche, vermutlich in Tirol Geborene. Warum identifizieren sie sich so stark mit der türkischen Politik?

Kaya: Sie werden sicher auch von ihrem Elternhaus beeinflusst. Es ist auch eine Frage nach der Zugehörigkeit. Da ist unsere Gesellschaft gefordert, damit sie sich nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv zugehörig fühlen, also auch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Da braucht es auch noch Bewusstseinsbildung. Den türkischstämmigen Jugendlichen fehlen auch Vorbilder bei uns. Ich versuche selbst, ein solches in Wörgl zu sein.

Die junge Generation sitzt also zwischen zwei Stühlen. Kämpfen die jungen Austro-Türken mit einem Identitätsverlust?

Kaya: Ja. Viele tun sich da schwer zu sagen, wo sie wirklich dazugehören. Um sie für österreichische Politik zu begeistern, braucht es noch viel­e Gespräche.

Gibt es in Wörgl eine Parallel­gesellschaft?

Kaya: Prinzipiell finde ich, dass Integration in Wörgl gut funktioniert. Es gibt sicher Themenbereiche, wo man etwas tun muss. Zum Beispiel braucht es mehr Begegnungsmöglichkeiten. Auch in der Bildung gibt es Bedarf: Hier sollte man mehr mit den Eltern arbeiten, damit sie beispielsweise mehr Elternsprechtage besuchen.

Da hakt es oft bei der gemeinsamen Sprache ?

Kaya: Unser Frauencafé wird zum Beispiel gut angenommen, da sind im Schnitt 15 Frauen. Daneben gibt es noch Kurse von AMS und BFI ? Je mehr Ressourcen, desto besser für die Integrationsarbeit.

Begegnungsmöglichkeiten gäbe es ja gerade im Sommer bei Festen viele. Türkischstämmige Gäste sind dort aber rar, warum?

Kaya: Schwer zu sagen. Es wäre natürlich wünschenswert, dass sie mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen ... Wir können sie aber nicht dazu zwingen.

Das Gespräch führte Jasmine Hrdina