Wiener Festwochen - Intendant Slagmuylder: „Ich bin sehr radikal“ 1
Wien (APA) - Der Belgier Christophe Slagmuylder (51) wird die Wiener Festwochen 2019 interimistisch leiten, nachdem Tomas Zierhofer-Kin sich...
Wien (APA) - Der Belgier Christophe Slagmuylder (51) wird die Wiener Festwochen 2019 interimistisch leiten, nachdem Tomas Zierhofer-Kin sich nach nur zwei Ausgaben zurückgezogen hat. Im Herbst will er nach Wien ziehen, die Stadt und ihre Szene besser kennenlernen und sich auch für die reguläre Intendanz bewerben. In einem ersten Interview spricht er über Mangel an Komplexität, neue Räume und seine Pläne.
APA: Sie haben heute gesagt, für Sie selbst fühlt sich Ihre Bestellung noch wie eine Überraschung an. Wann hat sich Veronica Kaup-Hasler bei Ihnen gemeldet, und wie lange haben Sie gebraucht, um sich zu entscheiden?
Christophe Slagmuylder: Ich weiß es nicht mehr ganz genau, aber ich bekam den Anruf ziemlich bald nach dem klärenden Gespräch mit Tomas Zierhofer-Kin. Nach vielen Telefonaten kam ich dann hierher, um mit der Kulturstadträtin, dem Festwochen-Geschäftsführer Wolfgang Wais und Aufsichtsratsvorsitzenden Rudolf Scholten persönlich zu sprechen. Ich hatte etwa eine Woche Zeit, alles ging unheimlich schnell, schließlich bin ich ja in zahlreiche andere Projekte verwickelt. Aber ich glaube an diesen Prozess. Ich fühle eine gute Verbindung mit allen Menschen, die hier involviert sind.
APA: Also es gab nicht den einen Moment, der Sie bewogen hat, zuzusagen?
Slagmuylder: Hätte ich seitens der Festwochen nicht so viel Vertrauen gespürt, hätte ich es nicht gemacht. Die Menschen und Medien sprechen dieser Tage so viel über die Vergangenheit und das, was schief gelaufen ist. Mit mir wurde nur über die Zukunft gesprochen, und dieser Blick nach vorn hat mich überzeugt. Diese positive Art, die Tatsache, dass sie mich hier offensichtlich wirklich wollen, war ausschlaggebend.
APA: Dennoch möchte ich Sie um einen kurzen Rückblick bitten. Sie sagten, Sie kennen die Festwochen sehr lange und sehr gut. Wie analysieren Sie deren Entwicklung unter Tomas Zierhofer-Kin?
Slagmuylder: Ich habe großen Respekt vor dem, was er gemacht hat. Ich schätze den Umstand, dass er hinterfragt hat, was dieses Festival sein sollte. Man kann jetzt darüber diskutieren, ob er bei der Beantwortung erfolgreich war oder nicht und ob er genug Zeit hatte, das zu erreichen, was er vorhatte. Aber ich schätze in jedem Fall seine Intention, hier etwas zu verändern, wofür er ja auch geholt wurde. Deshalb habe ich auch nicht das Gefühl, dass ich mit einer weißen Seite anfangen muss. Ich muss nichts in eine Kiste sperren und irgendwo verstecken.
APA: Wenn man einen Blick auf das von Ihnen bisher geleitete Kunstenfestivaldesarts wirft, hat man das Gefühl, dass Sie beide programmatisch nicht so weit voneinander entfernt sind.
Slagmuylder: Zierhofer-Kin und ich sind nicht so weit voneinander entfernt.
APA: Was macht Ihre Arbeit also so viel anders?
Slagmuylder: Was ich in unserer Gesellschaft verabscheue, ist die Polarisierung. Es ist eine sehr exkludierende Zeit, auch was die Kunstformen betrifft. Ich bin gegen diese Idee der Oppositionen. Wir sehen das ja auch in der Politik. Aber wir müssen wieder zu mehr Komplexität finden. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich bin sehr radikal, aber meine Art, diese Radikalität zu verbreiten, beinhaltet sehr viele Nuancen.
APA: Sie wurden dafür gelobt, diese Komplexität an sehr viele, unterschiedliche Menschen heranzutragen. Was ist Ihr Geheimnis?
Slagmuylder: Es gibt kein Rezept, schon gar nicht eines, das ich von Brüssel nach Wien transferieren könnte. Es geht darum, großzügig zu sein. Bei komplexen Projekten geht es auch um das Bild, das man davon nach außen hin zeichnet, um nicht nur die eingeweihte Community zu bedienen. Es geht darum, einen einladenden Ort zu schaffen. Das kann man nicht immer planen. Ich habe zum Beispiel mal einen portugiesischen Künstler eingeladen, rein aus künstlerischen Gründen. Aber die in Brüssel lebende portugiesische Community, die aus politischen Gründen das Land verlassen hat und das Festival bis dahin vielleicht noch gar nicht wahrgenommen hatte, war begeistert und fühlte sich von dem Stück, in dem es um die Zeit unter der Diktatur von António de Oliveira Salazar ging, verstanden. Es gibt so viele mögliche Eintrittstore für Menschen, das kann man nicht planen.
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