Evelyn Waugh in Afrika: „Expeditionen eines englischen Gentleman“

Zürich (APA/dpa) - Der Anlass ist so schillernd wie die damit verbundene Reise bizarr: Als sich der britische Schriftsteller Evelyn Waugh (1...

Zürich (APA/dpa) - Der Anlass ist so schillernd wie die damit verbundene Reise bizarr: Als sich der britische Schriftsteller Evelyn Waugh (1903-1966) im Jahr 1930 auf den Weg nach Addis Abeba macht, um als Sonderkorrespondent für „The Times“ über die Krönung des äthiopischen Kaisers Haile Selassie zu berichten, ahnt er nicht, dass die Reise auf den afrikanischen Kontinent fast ein halbes Jahr dauern wird.

Auch wenn er sich über den absurden Krönungszirkus mokiert, will er mehr sehen, mehr erleben. Und sich offenbar auch mehr langweilen. Denn Langeweile war sein Dämon, befindet der Literaturwissenschaftler Rainer Wieland im Anhang des jetzt neu aufgelegten Waugh-Klassikers „Expeditionen einen englischen Gentlemen“. Doch niemand schildert dieses Gefühl so unterhaltsam und amüsant wie der Brite - und er liefert damit beste Unterhaltung.

Wer seine großen literarischen Erfolge („Wiedersehen mit Brideshead“, „Tod in Hollywood“, „Eine Handvoll Staub“) kennt, weiß, dass man sich auf die spitze Feder des Autors, auf seine schonungslosen Einschätzungen, auf seinen unterschwelligen oder auch offenen Sarkasmus verlassen kann. All das findet sich in den „Gentleman-Reisen“ wieder. Waugh reist kreuz und quer über den Kontinent, bis nach Südafrika, und zwar zur Blütezeit des britischen Kolonialismus, den zu beurteilen sich Waugh weigert, wie er betont. Doch was er tut, ist nichts anderes.

Es ist rassistisch und das Gegenteil heutiger Political Correctness, wenn Waugh über „Neger“ und „Eingeborene“ berichtet. Im Austeilen aber ist er gerecht, denn auch die zahlreichen Europäer, mit denen er zusammentrifft, kommen oft nicht gut weg. Auch wenn Waugh ein Kind seiner Zeit ist - ein typischer Vertreter derselben ist er nicht. Er eckt an, wo er nur kann, recht häufig auch bei seinen Landsleuten und Kollegen. Letztere stellt er im Buch bloß, weil ihre Berichte wegen der abstrusen Organisation der äthiopischen Kaiserkrönung reine Fantasieprodukte sind, die allerdings früher als seine eigenen, genauer recherchierten Reportagen die britischen Medien erreichen.

Klar, dass es den Lesern der Yellow Press letztendlich egal ist, ob die Berichte der Wahrheit entsprechen oder nicht. Eine Schlappe für den „Times“-Korrespondenten. Das Imperium empört er, weil er - obwohl politisch eher rechts angesiedelt - kein Blatt vor den Mund nimmt und einige schlimme Folgen der britischen Kolonialpolitik in Afrika kritisiert: „Wir haben eine Zivilisation vorgefunden, die zwar borniert und unflexibel, im Grunde aber anständig und wertvoll war. Wir haben sie zerstört oder ihrer Zerstörung zumindest tatenlos zugesehen und die Entwicklung einer schäbigen und ärmlichen Kultur begünstigt.“

Über die Krönung des Kaisers Haile Selassie zu berichten, ist einer Laune Evelyn Waughs entsprungen. Mit den anschließenden pompösen Feiern sollte das Spektakel eine Woche lang dauern. Der Autor fühlt sich wie „Alice im Wunderland“: In „einer galvanisierten und verfremdeten Realität, wo Tiere Uhren in den Westentaschen tragen, Majestäten auf dem Krocket-Rasen neben dem Scharfrichter einherschreiten und eine Gerichtsverhandlung damit endet, dass plötzlich ein Kartenspiel durch die Luft segelt. Wie kann man den verrückten Zauber dieser äthiopischen Tage erzählen, lebendig werden lassen?“

Nun, ihm ist es gelungen, auch wenn er ganz andere Dinge wahrnimmt als seine Kollegen: Dass nämlich die geschmacklose Protzerei, bei der ein zusammengewürfelter Haufen Vergnügungssüchtiger aus europäischen Diplomaten, ein paar afrikanischen Gesandten und ihrer Entourage vor allem sich selbst feiert, kein Märchen aus „1000 und einer Nacht“ ist, sondern das Spiegelbild einer dekadenten Gesellschaft. Der britische Journalist und Autor Nicholas Shakespeare beurteilt Waughs Reiseberichte folgendermaßen: „Er sucht sich seine Ziele danach aus, wo seine Vorurteile am stärksten gereizt werden.“ Eine Sicht, der Waugh selbst nicht unbedingt widerspricht: „Ich bin nur witzig, wenn ich mich beschweren kann.“ Und dabei belässt er es nicht, denn er ist nicht nur amüsant, scharfsinnig und bissig, sondern eine unerschöpfliche Informationsquelle.

(S E R V I C E - Evelyn Waugh: „Expeditionen eines englischen Gentleman“, Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. Diogenes Verlag, 336 Seiten, 24,70 Euro)