Bregenzer Festspiele: Johannes Erath startet mit „ganz großen Themen“
Wien/Bregenz (APA) - Mit der Österreichischen Erstaufführung der Oper „Beatrice Cenci“ von Berthold Goldschmidt werden am 18. Juli die Brege...
Wien/Bregenz (APA) - Mit der Österreichischen Erstaufführung der Oper „Beatrice Cenci“ von Berthold Goldschmidt werden am 18. Juli die Bregenzer Festspiele eröffnet. Der deutsche Regisseur Johannes Erath spricht über die Herausforderungen von Inhalt und Musik des 1949/50 geschriebenen Werks über kirchliche Korruption und menschliche Gewalt, seine erste Begegnung mit dem Stück und sein Nach-Hause-Kommen nach Bregenz.
APA: „Beatrice Cenci“ - was erzählt diese im 16. Jahrhundert spielende Oper über uns?
Johannes Erath: Die Geschichte erzählt etwas ganz Existenzielles über uns, nämlich die Tatsache, dass in einer Welt, in der wir niemandem mehr trauen können, unter Umständen Glaube wieder ein großes Thema ist. Es geht darum, in einer Welt, die korrupt zu sein scheint, Werte wie Menschenwürde, Zivilcourage und Respekt hochzuhalten, um unsere Menschlichkeit nicht zu verlieren. Es geht um Selbstjustiz, wenn man das Gefühl hat, dass keine Gerechtigkeit mehr existiert, und um die Frage, ob Todesstrafe erlaubt ist. Das klingt nach ganz großen Themen, aber ich finde, das spielt alles in dem Stück eine Rolle, wenn Menschen zermahlen werden zwischen zwei Kräften von absoluter Hemmungslosigkeit und Gewissenlosigkeit.
APA: Es geht um männliche und kirchliche Macht. Geht es auch um Geschlechterfragen?
Erath: Natürlich, aber man muss aufpassen: Dieser Cenci lässt ja sogar seine zwei Söhne umbringen. Er macht vor nichts Halt. Sexualität ist ein ganz wichtiges Thema, wie er mit Frauen und mit Männern umgeht auf allen Ebenen und wie auch eine Institution wie die Kirche damit umgeht. Gerade in der Renaissance haben viele Päpste nicht das gelebt, was sie gepredigt haben.
APA: Wie ließe sich die Musik von Berthold Goldschmidt beschreiben?
Erath: Sie fällt wirklich aus einem Rahmen. Goldschmidt fällt stilistisch aus seiner Zeit. An manchen Stellen finde ich es fast spröde, und dann kommt aber eine unfassbar schöne Melodie gerade dadurch viel stärker zum Tragen, die wirklich fast ätherisch ist und wie ein Hoffnungsschimmer in dem Ganzen. Das schafft er grandios, denn diese Melodie kommt genau in der Sekunde vor dem Todesschrei wieder. Die Kontraste sind extrem, und das finde ich das Spannende an dem Ganzen. Er hat Ablehnung erfahren in Deutschland, aber auch schlussendlich auch in dem Fluchtland, wo er gelandet ist. Und er hat doch eine Art Galgenhumor bewahrt.
APA: Goldschmidt gewann mit der Oper einen Wettbewerb, die versprochene Aufführung kam aber nicht zustande. In diese Geschichte von Verhinderungen haben Sie sich auch selbst eingeschrieben, als Sie vor zehn Jahren eine erste Anfrage, diese Oper zu dirigieren, abgelehnt haben. War das aus heutiger Sicht die richtige Entscheidung?
Erath: Na ja, das ist ein zweischneidiges Schwert. Ich glaube tatsächlich, dass es mir damals an Erfahrungshorizont gefehlt hätte, es so zu machen, wie ich es unter Umständen jetzt hinkriegen kann. Das hat nicht nur mit den äußeren Bedingungen zu tun, die heute unter Umständen anders, „besser“ unter Anführungszeichen, sind als sie damals gewesen wären. In Bregenz fühlt es sich ja an wie ein Nach-Hause-Kommen, und das ist natürlich ein schönes Gefühl. Es wird hier so viel ermöglicht, was man an Ideen hat. Da fange ich an daran zu glauben, dass diese Dinge genau dann passieren, wenn sie sein sollen, und nicht, wenn man versucht, sie zu erzwingen.
APA: Fühlt man sich als Regisseur der Hausoper in Bregenz nicht zwangsläufig benachteiligt gegenüber der Seeoper?
Erath: Ich nehme das gar nicht so wahr. Es ist eine Produktion von mehreren. Ich habe schon einmal eine Produktion auf der Werkstattbühne in Bregenz gemacht. Wir arbeiten ja nicht anders. Es geht immer um die Sache, und das tun wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln und Möglichkeiten und mit bestem Wissen und Gewissen. Der äußerliche Rahmen ist gar nicht so ausschlaggebend.
APA: Möchten Sie eines Tages nicht doch auch einmal die „ganz große Kiste“ auf der Seebühne stemmen?
Erath: Ja, natürlich. Ich war das erste Mal als Kind in Bregenz, wann war das? 1985, „Die Zauberflöte“, mit der quasi der Durchbruch in Bregenz stattgefunden hatte. Ich habe da das erste Mal Oper gesehen. Und das hat mich damals schon fasziniert. Natürlich wäre das ein Reiz, aber ich freue mich über das, was jetzt ist. Ich versuche bei „Beatrice Cenci“ mein Bestes, und dann wir werden sehen, was passiert.
(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)
ZUR PERSON: Johannes Erath (Jahrgang 1975) spielte nach einem Violinstudium bei Rainer Küchl in Wien und Hansheinz Schneeberger in Freiburg u. a. im Orchester der Volksoper Wien und der Orchesterakademie der Wiener Philharmoniker. Sein Einstieg ins Regiefach erfolgte als Assistent. Unter der Intendanz von Elisabeth Sobotka an der Oper Graz inszenierte er u.a. „Lulu“, „Don Giovanni“, „Elektra“ und „Die tote Stadt“, die 2016 mit einem Österreichischen Musiktheaterpreis als Beste Gesamtproduktion ausgezeichnet wurde. Er arbeitete auch an der Hamburgischen Staatsoper, an der Bayerischen Staatsoper München, an der Semperoper Dresden, an der Oper Frankfurt und an der Oper Köln. Bei den Bregenzer Festspielen 2016 inszenierte er die Österreichische Erstaufführung der Kammeroper „Make no Noise“ von Miroslav Srnka auf der Werkstattbühne.
(S E R V I C E - „Beatrice Cenci“, Oper in drei Akten von Berthold Goldschmidt, Libretto von Martin Esslin nach „The Cenci“ von Percy Bysshe Shelley. Mit deutschen Übertiteln. Festspielhaus Bregenz, Premiere am 18. Juli, 19.30 Uhr, Weitere Vorstellungen: 22., 11 Uhr, 30. Juli, 19.30 Uhr, Inszenierung: Johannes Erath, Bühne Katrin Connan, Kostüme: Katharina Tasch. Musikalische Leitung der Wiener Symphoniker: Johannes Debus. Mit u.a. Christoph Pohl - Graf Francesco Cenci, Dshamilja Kaiser - Lucrezia, Gal James - ?Beatrice. Karten: 05574 / 407 6, www.bregenzerfestspiele.com)
(B I L D A V I S O – Bilder von Johannes Erath wurden am 7.6. über den AOM verbreitet und sind dort abrufbar.)
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