Fußball-WM: Löw-Entscheidung vertagt, aber Denkmal bröckelt
Frankfurt am Main (APA/dpa) - Unmittelbar nach dem historischen WM-K.o. entschuldigte sich der „brutal frustrierte“ und „geschockte“ Joachim...
Frankfurt am Main (APA/dpa) - Unmittelbar nach dem historischen WM-K.o. entschuldigte sich der „brutal frustrierte“ und „geschockte“ Joachim Löw bei den deutschen Fußball-Fans und schloss einen Rücktritt als Bundestrainer nicht aus. Der entthronte Weltmeister-Coach ließ auch nach seiner Rückkehr an Flughafen Frankfurt seine Zukunft offen und will zunächst in sich gehen.
„Jetzt brauchen wir Zeit und ein paar Gespräche, dann werden wir klare Antworten geben“, sagte Löw am Donnerstag. „Das braucht ein bisschen Zeit, bis wir das alles irgendwie verdaut haben. Wir haben wirklich enttäuscht, von daher sind wir alle wahnsinnig traurig“, erklärte der Teamchef, der erneut betonte, dass er die Verantwortung dafür übernehme, warum die Mannschaft nicht in Form gewesen sei. „Es braucht klare Veränderungen“, sagte er auch. Dass er wie vertraglich festgelegt in vier Jahren in Katar noch einmal die nächste WM-Tortur auf sich nimmt, scheint derzeit kaum vorstellbar.
Löw hat sich selbst ein Denkmal geschaffen, seit er von seinem einstigen Chef Jürgen Klinsmann für ihn selbst überraschend in den Job des wichtigsten deutschen Fußball-Trainers gehievt wurde. Der Südbadener, der davor Trainer von Wacker Innsbruck und Austria Wien war, setzte nicht nur den Aufbruchkurs fort, den Klinsmann mit einem Assistenten Löw nach der EM-Vorrunden-Blamage von 2004 eingeleitet hatte. Löw schuf einen neuen Stil weg von „Rumpelfußball“ hin zu Mut, Klarheit, Geschwindigkeit und Attraktivität. Und er prägte internationale Trends, etwa als er bei der WM 2010 in Südafrika die blutjunge Generation um Manuel Neuer, Mesut Özil, Jerome Boateng, Mats Hummels von U21-Europameistern zu Stammkräften des Nationalteams beförderte.
Jugend, Frische, Belastbarkeit seien „wertvoller als Erfahrung“, sagte Löw damals und erntete bei der älteren Generation von Michael Ballack und Torsten Frings Kopfschütteln. Doch mit dem Stil, „der genau zu dieser Mannschaft passt“, führte der einstige Freiburger Profi die DFB-Elf wieder in die Weltspitze und krönte dies mit dem WM-Titel 2014. Löw begeisterte und war erfolgreich. „Bis zu diesem Turnier waren wir die konstanteste Mannschaft der letzten zehn, zwölf Jahre. Wir waren immer unter den letzten vier“, erinnerte er nach dem Aus in Russland. Von 36 Turnierpartien unter ihm gingen vor der WM 2018 nur sechs verloren - in Russland von drei gleich zwei.
Das Denkmal Löw bröckelte aber schon direkt nach dem größtmöglichen Triumph in Brasilien. Der Visionär, wie sich Löw gern selbst nennt, wich von seinem eigenen Weg ab. Zwei Jahre Entwicklung „verschenkte“ er im verständlichen Hochgefühl, es ganz nach oben geschafft zu haben, räumte der gebürtige Schwarzwälder später selbst ein.
Bei der EURO vor zwei Jahren ging das bis zum Halbfinale gegen Gastgeber Frankreich gut. Im Sommer des Vorjahres erlebten die Fans noch einmal den Löw aus seinen ersten Bundestrainer-Jahren. Mit einem jungen Team rockte er mit viel positiver Energie den eigentlich ungeliebten Confed Cup. Aus dem 2017-er Kader beförderte er dann nur den Leipziger Timo Werner, den Münchner Joshua Kimmich und Paris-Profi Julian Draxler in seine engere WM-Formation. Mit Abstrichen durfte es noch der Leverkusener Julian Brandt und gegen Südkorea auch Leon Goretzka versuchen.
Nach der souveränen WM-Qualifikation mit zehn Siegen in zehn Spielen konnte die Löw-Elf plötzlich nicht mehr überzeugen. Unter anderem setzte es auch in Klagenfurt gegen Österreich (1:2) eine Niederlage. Von den neun Partien seit November 2017 gewann Deutschland nur noch zwei: In der Nachspielzeit beim 2:1 gegen Schweden und zuvor im Testspiel gegen den Weltranglisten-67. Saudi-Arabien.
Löw und sein Team erkannten zwar die Probleme - konnten sie aber nicht lösen. Und als auch noch das Glück ausblieb, kam das Aus. „Wir haben es bei diesem Turnier nicht verdient, erneut Weltmeister zu werden. Wir haben es nicht verdient, dass wir in dieser Gruppe weiterkommen“, gestand er noch in Kasan ein.
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