Nestroy-Spiele Schwechat: Kämpferisch auch im 46. Jahr
Schwechat-Rannersdorf (APA) - Auch im 46. Jahr geben sich die Nestroy-Spiele Schwechat kämpferisch: In „Zu ebener Erde und erster Stock“ gin...
Schwechat-Rannersdorf (APA) - Auch im 46. Jahr geben sich die Nestroy-Spiele Schwechat kämpferisch: In „Zu ebener Erde und erster Stock“ ging es am Samstagabend bei der Premiere im Hof von Schloss Rothmühle (Rannersdorf) wieder zur Sache. Mit scharfer Sozialkritik und bitterem Humor ist Nestroys Posse ein Stück der Stunde.
Den Running Gag des Abends liefert Oma Schlucker (Sissy Stacher), die nur lesend im Fauteuil sitzt, manchmal aufschreckt - „Wos is?“ - und stets mit der grantigen Antwort „Nix!“ bedacht wird. Als wär‘s die gallige Quintessenz des Trubels: Aufregung allenthalben, schließlich Umkehrung der Verhältnisse, letztlich bleibt alles beim Alten - oder es wird gar schlechter.
Just an jenem Tag, an dem in Wien eine gewerkschaftlich organisierte Großkundgebung gegen die Arbeitszeitpläne der Regierung stattfand, und angesichts zu erwartender bundesweiter Betriebsversammlungen, waren inhaltliche Kontexte evident. Im reichen Österreich, ist im Programmheft nachzulesen, beträgt der Anteil armutsgefährdeter Menschen laut Statistik Austria 18,1 Prozent der Bevölkerung.
Da zeigt schon Nestroy: Oben wird geprasst, dass sich die Balken biegen, unten herrschen Armut und Aussichtslosigkeit. Jedoch ist Skepsis da wie dort angebracht: Spekuliert, intrigiert und manipuliert wird oben wie unten. Und wenn die Unteren hinaufkommen, verwandeln sie sich im Handumdrehen in prototypische Neureiche. Von Sozialromantik keine Spur, Rollentausch ändert nicht die Grundstrukturen, lautet die desillusionierende Message.
Langzeitintendant Peter Gruber hat ein weiteres Mal mit seinem aus Profis und Laien durchmischten Ensemble eine schlüssige Inszenierung auf die von Andrea Bernd gestaltete Bühne gestellt, lässt die Handlung perfekt simultan Revue passieren, steuert bissige aktualitätsbezogene Zusatzstrophen für die Couplets bei und verzichtet auch diesmal nicht auf ein launig-opernhaftes Quodlibet im zweiten Teil.
Otmar Binder an den Tasten sorgt für duftige Klänge. Franz Steiner gibt den hochmütigen Spekulanten Goldfuchs, Erwin Leder sein Tandler-Pendant im Erdgeschoß, Bella Rössler dessen resche Sepherl, Florian Haslinger einen betrügerischen Sekretär. Dass das Schwechater Nestroy-Ensemble Jahr für Jahr ohne Gage für die Schauspieler derart vorbildliche Produktionen auf die Beine stellt, darf nicht unerwähnt bleiben. Auch im Kulturbereich gibt‘s eben „ebene Erde und ersten Stock“.
Rund um die Nestroy-Spiele steht wieder ein Rahmenprogramm auf dem Tapet mit Nestroy-Frühstück („Im Souterrain und Mezzanin“, eine kabarettistische Szenenfolge) am 8., 15., 22. und 29. Juli, einem Kabarettabend mit Thomas Franz-Riegler („Jammast eh“) am 19. Juli sowie den Nestroy-Gesprächen im Justiz-Bildungszentrum Schloss Altkettenhof, die diesmal von 3. bis 7. Juli die Frage stellen: „Sagen Sie mir, was ist das Volk?“
(S E R V I C E - 46. Nestroy-Spiele Schwechat, Schloss Rothmühle: Johann Nestroy: „Zu ebener Erde und erster Stock“. Regie: Peter Gruber, Bühne: Andrea Bernd. Mit u.a. Franz Steiner, Ines Cihal, Florian Haslinger, Bruno Reichert, Erwin Leder, Bella Rössler und Al Kasseir. Vorstellungen bis 4. August, Tickets und Information: Tel. 0650/4723212, www.nestroy.at)
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