US-Journalist: „Migrationskrise“ in Europa ist „politische Krise“
Brüssel/Wien (APA) - Das Thema „illegale Migration“ dominiert derzeit die EU-Agenda. Aus Sicht des renommierten US-Journalisten Steven Erlan...
Brüssel/Wien (APA) - Das Thema „illegale Migration“ dominiert derzeit die EU-Agenda. Aus Sicht des renommierten US-Journalisten Steven Erlanger gibt es freilich keine tatsächliche „Migrationskrise“ in Form von Flüchtlingsströmen, vielmehr durchlebe Europa eine „moralische und politische Krise um Identität und Nationalismus“. Das meinte der Europa-Korrespondent der New York Times, Steven Erlanger, am Sonntag zur APA.
Diese sei „teilweise auf das Gefühl zurückzuführen, dass „die Migration von den europäischen Regierungen oder der Europäischen Union nicht angemessen kontrolliert wurde“, so der 1952 geborene Erlanger, der seit 1987 für die New York Times (NYT) arbeitet und seit dem Vorjahr in Brüssel stationiert ist. Zuvor war er NYT-Korrespondent in Großbritannien gewesen.
Der Schutz vor „illegaler Migration“ ist auch eines der Hauptanliegen des österreichischen EU-Ratsvorsitzes unter Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP). Inwieweit Kurz mit seiner betont migrations- und flüchtlingskritischen Position Einfluss auf die Stimmung in Brüssel habe, wollte Erlanger nicht endgültig beurteilen: „Dafür ist es noch zu früh.“ Nachsatz: Im Vergleich mit Italiens Innenminister von der rechten Lega, Matteo Salvini, sei aber ohnehin „jeder moderat“.
Österreich werde sich während der Präsidentschaft wohl „mit den bekannten, tiefgreifenden Problemen der EU“ beschäftigen müssen, meinte Erlanger: „Das sind die Reform der Eurozone, der Brexit, die Unstimmigkeiten bezüglich der Rechtsstaatlichkeit in Polen und besonders in Ungarn oder die Verlangsamung des europäischen Wachstums“. Dazu kämen „die Schwäche der EU-Außen- und Verteidigungspolitik, die Einmischung und der Revanchismus von Russland unter Präsident Wladimir Putin“ oder die Tatsache, dass US-Präsident Donald „die multilaterale Ordnung“ herausfordere. „Alles nicht so leicht für eine Präsidentschaft“, konstatierte Erlanger.
Generell habe die EU etwas von ihrem Schwung und Zusammenhalt verloren, analysierte der renommierte US-Journalist. „Die EU war eine wunderbare Idee der Nachkriegsära im 20. Jahrhundert. Nun ist sie sehr groß und sehr vielfältig geworden, und die Ära des magischen Denkens, dass die europäischen Volkswirtschaften und Staaten einander näherkommen, ist vorbei.“ Bei Weltordnungen sei es wie bei Beziehungen, sie können über die Jahre „schal werden“. Die EU werde „anders“ überleben, prognostizierte Erlanger. „Aber es ist wichtig, dass sie überlebt.“
(Das Interview führte Edgar Schütz/APA per E-Mail) .
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