Studie: Gehirnanatomie ist bei jedem Menschen einzigartig

Schweizer Forscher haben herausgefunden, „dass das Gehirn des Menschen sehr individuell aufgebaut ist“. Doch nicht nur länger andauernde Erfahrungen, auch kurze Ereignisse können Auswirkungen auf die Hirnanatomie haben.

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© PantherMedia / Andreus

Zürich – Die Anatomie des menschlichen Gehirns ist fast so einzigartig wie der Fingerabdruck. Ausschlaggebend für den charakteristischen Aufbau des Organs ist eine Kombination aus genetischen Voraussetzungen und individuellen Lebenserfahrungen. Schweizer Forscher gingen nun der Frage nach, ob man anhand bestimmter anatomischer Merkmale des Gehirns auf die Person schließen kann, der das Gehirn gehört.

Auch kurze Ereignisse wirken sich aus

Dass Erfahrungen im Gehirn Spuren hinterlassen, ist schon länger bekannt. So weisen Profimusiker oder Schachspielerinnen Besonderheiten in den Hirngebieten auf, die sie für ihre Expertise besonders stark beanspruchen. Doch auch kürzere Ereignisse können sich in der Hirnanatomie niederschlagen. Wird beispielsweise der rechte Arm für zwei Wochen ruhiggestellt, reduziert sich die Dicke der Hirnrinde in den Gebieten, die für die Kontrolle des immobilisierten Armes zuständig sind.

„Wir vermuteten, dass solche Erfahrungen, die sich aufs Hirn auswirken, mit genetischen Veranlagungen interagieren und sich so im Laufe der Jahre bei jeder Person eine ganz individuelle Hirnanatomie entwickelt“, wird Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie an der Forscher der Universität Zürich, in einer Mitteilung der Uni Zürich zitiert.

Um ihre Vermutung zu überprüfen, untersuchten die Forscher die Gehirne von 191 gesunden älteren Personen. Dafür unterzogen sich diese dreimal während eines Zeitraums von zwei Jahren einer Magnetresonanztomografie. Berechnet wurden 450 neuroanatomische Merkmale, darunter auch sehr allgemeine wie das Gesamtvolumen des Gehirns, die Dicke der Hirnrinde oder das Volumen der grauen und weißen Substanz.

Unsere Gehirne sind individuell

Für jede Person konnten die Wissenschafter schließlich eine individuelle Kombination von neuroanatomischen Kennwerten ausmachen. Die Identifikationsgenauigkeit lag selbst bei den sehr allgemeinen neuroanatomischen Kennwerten bei über 90 Prozent, wie die Forscher im Fachjournal „Scientific Reports“ berichteten.

„Mit unserer Studie konnten wir bestätigen, dass das Gehirn des Menschen sehr individuell aufgebaut ist“, sagte Jäncke. So beeinflusse die Kombination von genetischen und nicht-genetischen Einflüssen offenbar nicht nur die Funktionsweise des Gehirns, sondern auch dessen Anatomie.

In den Studienresultaten spiegelt sich für Jäncke nicht zuletzt die große Entwicklung in seinem Fachgebiet: „Noch vor 30 Jahren ging man davon aus, dass das menschliche Gehirn bloß wenige oder gar keine individuellen Merkmale aufweist“, erklärte der Neuropsychologe. Doch die Magnetresonanztomografie und die Software zur Auswertung digitalisierter Hirnscans haben sich inzwischen stark verbessert. „Fortschritte, dank derer wir heute eines Besseren belehrt sind“, so Jäncke. (APA/sda)


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