„Brad Pitt spielt gern Kühe“

600 Bewerber auf zehn Ausbildungsplätze: Der Tiroler Philipp Dornauer studiert am Wiener Konservatorium für Musik und Kunst. Dort haucht er 300 Jahre alten Charakteren Leben ein.

Philipp Dornauer sitzt gerne allein in Cafés und betrachtet Passanten. Die Beobachtung von deren Mimik und Gestik hilft ihm, auf der Bühne in verschiedene Rollen zu schlüpfen.
© Rudy De Moor

Von Judith Sam

Innsbruck –Wer hätte gedacht, dass Brad Pitt in Filmen mit Vorliebe Kühe spielt? Oder dass Marlon Brando für seine Darstellung einer angeschossenen Bulldogge berühmt wurde? „Das nennt sich Tierarbeit“, erklärt Philipp Dornauer. Am Wiener Konservatorium für Musik und Kunst, wo der 25-Jährige seit 2017 Schauspiel studiert, habe er diese Übung bereits absolviert: „Im ersten Moment klingt es eigenartig, wenn es gilt, eine Kuh zu spielen. Aber aus dem Tier kann man eine Rolle entwickeln.“

Beispiel Brad Pitt: „Achten Sie im Film ,Inglourious Basterds‘ auf ihn. Er kaut ununterbrochen und bewegt sich langsam, als müsse er schwer verdauen. Pitt spielt zwar einen Soldaten, aber wer genau hinsieht, erkennt, dass er auch ein wenig eine Kuh verkörpert.“ Marlon Brando wiederum ähnle im Film „der Pate“ einer verletzten Dogge.

Dornauer gerät ins Schwärmen, wenn er von seinen Vorbildern spricht. Nach wenigen Worten wird klar, dass für ihn der Fokus auf Details liegt. Gerade beobachtet er eine Frau, die ein paar Tische weiter im Innsbrucker Café Central sitzt. „Kleinigkeiten machen den Menschen aus. Das Authentische. Die schüchterne Frau traut sich nicht, den Kellner zu rufen“, sagt der Sellraintaler.

Diese Beobachtungen von Mimik und Gestik helfen ihm, auf der Bühne in Rollen zu schlüpfen. Ob er nun im Wiener Pygmalion-Theater Norbert Hofer parodiert, in der niederösterreichischen Kellergassen-Compagnie Fausts Wundermantel findet oder in Telfs strippt. Auf der Bühne, versteht sich – in der Komödie „Ladies Night“, die heute Premiere hat.

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Zugegeben, das Stück klingt im ersten Moment etwas schlüpfrig. Es muss aber gehaltvoll sein, sonst hätte Dornauer von seinen Dozenten nicht die Erlaubnis, darin mitzuwirken: „Sie entscheiden mit, wo ich auftreten darf und akzeptieren nur schauspielerisch anspruchsvolle Stücke.“

2017 bewarb Dornauer sich neben rund 600 Konkurrenten am Wiener Konservatorium für Musik und Kunst, einem Pendant des Reinhardt Seminars. Er überzeugte und bekam einen der lediglich zehn Ausbildungsplätze. „Meine Kollegen sind keine Konkurrenz. Warum auch. Die eine ist klein und blond, der andere schlaksig mit Brille. Wir sind völlig unterschiedlich“, plaudert der 190 Zentimeter große, muskulöse Mann. Trotzdem sei der Druck an der Schauspielschule hoch: „Alle paar Monate wird eruiert, ob man Fortschritte gemacht hat. Falls nicht, muss man gehen.“ Besteht man jedoch die vier Ausbildungsjahre, stehen den Absolventen die Türen auf internationale Bühnen offen.

Doch wie stellt man fest, ob sich ein Schauspieler entwickelt? „Es geht nicht nur um öffentliche Auftritte. Wir müssen Charakteren aus Stücken, die vor 300 Jahren geschrieben wurden, Leben einhauchen.“

Während der ersten Sekunden auf der Bühne müsse er wortlos die Situation vermitteln: „Man verhält sich anders, wenn man als Pilot in ein Cockpit steigt oder sich als älterer Herr auf eine Parkbank setzt.“ Übung, Übung, Übung, lautet das Credo. Kein Wunder, dass Dornauer kaum Platz für Hobbys bleibt: „Ich bin in Wien in einem Boxclub. Mein einziges Hobby. Und das auch nur, weil es mich ans Schauspiel erinnert: Man braucht wenig, um das Gegenüber k. o. zu schlagen und um beim Schauspiel einen Effekt zu erhaschen.“ So klingt wohl wahre Leidenschaft für den Beruf.

Kaum zu glauben, dass Dornauer nach der Matura einen vergleichsweise unkreativen Berufsweg einschlagen wollte: „Ich habe in Innsbruck mit einem Wirtschaftsstudium begonnen. Da saßen 600 Leute im Hörsaal. Jetzt bin ich einer von zehn. Da hat die Ausbildung eine andere Qualität.“ Dornauers Familie habe die Berufswahl zum Buchhalter anfangs zwar besser gefallen: „Weil Schauspiel nicht zu Unrecht als brotlose Kunst gilt. Aber jetzt, wo immer mehr Engagements hereinkommen, sind sie stolz auf mich.“

Wie stolz wären sie wohl, wenn Dornauer sein Ziel erreicht: Hollywood. „Oder sagen wir so: Ich möchte nicht nur ein guter, sondern ein großartiger Schauspieler werden. Wie Gérard Depardieu. Mit ein Grund zu meiner Berufswahl war einer seiner Auftritte. Der Charakterdarsteller saß wortlos auf der Bühne und wartete. Minutenlang. Seine Kollegen wurden nervös, das Publikum begann zu tuscheln, dass er zugenommen habe. Depardieu blieb regungslos. So lange, bis das Publikum verunsichert verstummte. Da legte er los. Endlich. Dieses Aufbauen der Spannung, das macht einen großartigen Schauspieler aus.“

Kaum eine Situation könnte für Dornauer besser sein, um Spannung aufzubauen, als die heutige Premiere in Telfs – wenn er als Stripper die Hüllen fallen lässt: „Ob ich alle fallen lasse, verrate ich noch nicht.“


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