Waldbrände in Schweden außer Kontrolle: Ganze Dörfer evakuiert

Rund 40 Feuer wüten laut Notrufzentrale derzeit über das ganze Land verteilt in den Wäldern. Schweden hat um internationale Hilfe gebeten.

Wegen der Sommerhitze sind in Schweden Dutzende große Waldbrände völlig außer Kontrolle geraten.
© TT News Agency

Stockholm – Beißender Qualm zieht in die Häuser. Nur 20 Minuten hätten sie gehabt, um ihre Sache zu packen und den Wohnwagen anzuhängen, erzählt Evert Hansson im schwedischen Rundfunk. „Jeder im Dorf sollte weg.“ Wegen der Sommerhitze sind in Schweden Dutzende große Waldbrände völlig außer Kontrolle geraten. In der Nacht auf Donnerstag und über Tag wurden ganze Dörfer evakuiert.

Rund 40 Feuer wüten laut Notrufzentrale derzeit über das ganze Land verteilt in den Wäldern. Zwischenzeitlich waren es sogar mehr als 80 kleinere und große Brände. Das Feuer greift rasch um sich, denn in Schweden ist es sehr trocken. Seit Wochen hat es nicht mehr richtig geregnet. Entwarnung ist nicht in Sicht: Erst am Mittwoch hatte der schwedische Wetterdienst für die folgenden fünf Tage weitere Hitzewarnungen herausgegeben.

„Außergewöhnliche Situation“

„Die Situation, in der wir uns befinden, ist außergewöhnlich“, sagte Regierungschef Stefan Löfven am Donnerstag beim Besuch in einem der Brandgebiete. Schweden müsse sich besser auf extremes Wetter einstellen, räumte er ein. „Das Risiko für neue Brände ist hoch.“ Die Regierung werde „natürlich“ alles in ihrer Macht Stehende tun, damit die Feuer schnell unter Kontrolle kämen.

Allein die drei größten Brände in den Gegenden Gävleborg, Jämtland og Dalarna in der Mitte Schwedens nördlich von Stockholm umfassten nach Behördenangaben am Donnerstag 20.000 Hektar. Wälder im Wert von rund 600 Millionen Kronen (58,18 Mio. Euro) seien bisher zerstört worden. Der schlimmste Brand wütet in der Kommune Ljusdal, nach Einschätzung der Rettungskräfte stehen hier allein mehr als 8500 Hektar in Flammen, eine Fläche 25 mal so groß ist wie der Central Park in New York. Die „Brandfront“ sei 55 Kilometer lang.

TT-ePaper gratis lesen und iPhone 11 Pro gewinnen

Die Zeitung ab sofort bis auf Weiteres kostenlos digital abrufen

Jetzt mitmachen
TT ePaperTT ePaper

Das Dorf Karböle etwa 380 Kilometer nördlich von Stockholm ist inzwischen auf drei Seiten von Flammen eingeschlossen. Innerhalb weniger Stunden hatte sich das brennende Gebiet verdoppelt, wie ein Rettungsdienst-Sprecher der Zeitung Aftonbladet sagte. Daraufhin habe man die Bewohner am Mittwochabend in Sicherheit gebracht.

Unglaublich schnell habe sich das Feuer ausgebreitet, berichtete auch Evert Hansson. „In nur ein paar Stunden standen große Teile des Walds in Flammen.“ Er und seine Frau geben sich stark, doch die Sorge ist ihnen anzusehen. „Man weiß nicht, was passiert und wie es jetzt zu Hause aussieht“, sagte Hansson.

Internationale Hilfe angefordert

Die schwedischen Behörden haben um Hilfe aus anderen Ländern gebeten. Italien und Frankreich schickten Löschflugzeuge, Norwegen stellte Helikopter bereit. Es seien so viele Feuerwehrleute mitgekommen, dass die Spezialflugzeuge von Sonnenauf- bis -untergang im Einsatz seien könnten, sagte ein italienischer Pilot dem Fernsehsender SVT.

Im Tiefflug schießen die gelben Flieger nun immer wieder über die schwedischen Seen, laden sich beim Überflug den Bauch voll Wasser. 6000 Liter fassen die Tanks, die dann über den per Drohne identifizierten Brandherden abgelassen werden.

Die Waldbrände setzen zunehmend auch die schwedische Regierung unter Druck. Die konservative Oppositionspartei Kristdemokraten kritisierte, Schweden bestehe zu 70 Prozent aus Wald, habe aber keine eigenen Löschflugzeuge. Löfven betonte, wichtig sei nicht, wer das Flugzeug besitze, sondern dass Schweden im Notfall darauf zurückgreifen könne. „Lasst uns diese Diskussion später führen, wir werden das gründlich auswerten. Jetzt liegt mein Fokus darauf, diese Brände hier und jetzt zu löschen“, bat er.

Wegen der anhaltenden Hitze könnte sich die Situation allerdings noch zuspitzen. Die Bewohner, die ihre Häuser verlassen mussten, sind auf das Schlimmste eingestellt. „Man weiß ja nicht, was kommt, ob das Haus abbrennt“, sagte Sune Larsson aus Karböle dem schwedischen Radio. Was er von zu Hause mitnahm: Fotoalben. Um sich etwas daran festzuhalten, wie es früher aussah. (APA/dpa)


Schlagworte